Holocaust-Überlebende: Das stille Leid der letzten Zeugen

Anita Winter nimmt sich der letzten Zeitzeugen des Holocaust an
Anita Winter ist immer für die Überlebenden da

Darum geht‘s: Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Schweiz, Judentum, Fundraising

Über 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg leiden Juden, die dem Tod entkommen konnten, noch immer unter ihrem Schicksal – und leben vielfach am Rand des Existenzminimums. Um diese letzten Zeitzeugen wenigstens am Ende ihres Lebens zu unterstützen, hat die Schweizerin Anita Winter die Gamaraal-Foundation gegründet.

Es war dieses Gespräch während eines Mittagessens mit dem ehemaligen israelischen Sozialminister Jitzchak Herzog im Jahr 2012, das Anita Winter (Foto) wachrüttelte. Man sei sich der Situation nicht bewusst gewesen, hätte bei der sozialen Absicherung der Holocaust-Überlebenden viel versäumt, so die Antwort Herzogs auf Anita Winters Frage, was man aus heutiger Sicht bei der Staatsgründung Israels hätte anders machen können.

„Ich war davon schockiert“, erinnert sich Anita Winter, deren Eltern beide vor dem Krieg in Deutschland geboren wurden und den Holocaust überlebten. Zugleich zeigt sie aber Verständnis für die damalige Situation: „Die meisten der Überlebenden waren traumatisiert, schämten sich und schwiegen darüber, was ihnen angetan wurde. Und die Bevölkerung in Israel verstand sie auch nicht. Das Land war mit der eigenen Staatsgründung und der Bedrohung von außen beschäftigt. Doch für die Überlebenden war 1945 der Krieg nicht zu Ende, sie tragen ihn bis heute in sich.“

Geld für Bedürftige an jüdischen Feiertagen

Derzeit gibt es von ihnen weltweit schätzungsweise noch rund 490 000, die Dunkelziffer ist höher. Die Hälfte von ihnen lebt in armen Verhältnissen – ein Fakt, der nahezu unbekannt ist. Durch den Holocaust konnten sie erst spät ins Berufsleben einsteigen, manchen war es zeitlebens unmöglich, einer Tätigkeit nachzugehen. Die Folge ist immer die gleiche: Armut im Alter. Dabei werden die Probleme gerade dann immer stärker. Die Erlebnisse und Bilder und mit ihnen die tiefen Traumata kommen wieder. Die nachfolgenden Generationen haben sich zwar intensiv mit der Aufarbeitung des Holocaust beschäftigt, darüber aber oft die noch Lebenden vergessen.

Genau hier setzt die Gamaraal Foundation an. Jedes Jahr an den drei größten jüdischen Feiertagen Pessach, Chanukka und Rosch ha-Schana gibt die Stiftung Bedürftigen unbürokratisch Geld in dreistelliger Höhe, das die Empfänger verwenden können, wofür sie wollen, ob für ein Hörgerät, einen Gehstock, den nächsten Zahnarztbesuch oder für mehr Essen. „Die Leute schreiben uns über ihre finanzielle Not. Gleichzeitig bekommen wir berührende Dankesschreiben“, zeigt sich die Stiftungsgründerin tief bewegt.

Holocaust-Überlebende haben besondere Bedürfnisse

Zwar erhalten die Betroffenen staatliche Unterstützung wie alle anderen Schweizer auch, die mittellos sind, aber die speziellen Bedürfnisse der Holocaust-Überlebenden können damit nicht abgedeckt werden. Nicht die finanziellen und erst recht nicht die seelischen. Nicht wenige leiden unter Angststörungen und Depressionen und können deshalb nicht in normalen Pflegeheimen mit geregelten Tagesabläufen und uniformiertem Personal wohnen. Manche haben sogar Angst vor ungewohnten Duschen, da diese mitunter Assoziationen zu den Gaskammern wecken. Die Stiftung will deshalb einfach für die Überlebenden da sein. Viele sind einsam, haben ihre ganze Familie im Krieg verloren oder nie Kinder bekommen, Partner und Freunde sind verstorben. Sie können jederzeit anrufen oder vorbeikommen und treffen immer auf jemanden, der ein offenes Ohr für ihre kleinen und großen Sorgen hat oder einfach nur zuhört, wenn sie nach Jahrzehnten doch noch über ihre Geschichte sprechen wollen.

Schnelle Hilfe von vielen Seiten

Ohne Freiwillige wäre die Arbeit der Foundation nicht möglich. Gleich nach Gründung meldeten sich unter anderem Krankenschwestern, Psychologen, eine Schmerztherapeutin, Studentinnen, die die Geschichten der Überlebenden aufschreiben, ein Filmemacher des Schweizer Fernsehens und ein Mitarbeiter einer Agentur, der die Website kostenlos erstellte. Holocaust-Überlebende, denen es finanziell gut geht, schickten sofort Gelder, sodass die Stiftung anfangen konnte zu arbeiten.

Auch die Behörden seien äußerst kooperativ gewesen, da die Zeit drängte, lobt Anita Winter. Später fing die Foundation dann mit Fundraising an, stellte sich bei anderen Stiftungen und Privatpersonen vor. Und mit der Zeit traten auch Kinder von ehemaligen Nazis an sie heran. Anita Winter ist davon berührt: „Sie sagen, dass sie endlich etwas wieder gutmachen können.“ Dass die nachfolgenden Generationen in der Verantwortung stehen und die Erinnerung bewahren sollen, drückt sich auch im Namen der Stiftung aus. Das Wort Gamaraal setzt sich aus den ersten Silben der Namen von Anita Winters Kindern zusammen: Gadi, Manuel, Rafael und Alisa.

Zeitzeugengespräche hinterlassen Spuren

Einige der Überlebenden haben ihr Schweigen gebrochen und gehen mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit. „Schulen und Unis kontaktieren uns und bitten um die Vermittlung eines Zeitzeugengesprächs. Jetzt ist der letzte Moment in der Weltgeschichte, an dem man noch Zeitzeugen hören kann“, sagt Anita Winter eindringlich. Deshalb werden inzwischen Videoaufnahmen der Treffen gemacht.

Wie sehr die Überlebenden auch heute noch mit ihrem Schicksal zu kämpfen haben, merkt man auch daran, dass diese Termine Spuren hinterlassen. Anita Winter berichtet vom plötzlichen Bluthochdruck einer Frau, ein Mann erzählte ihr, dass er nach einem Zeitzeugengespräch zwei Nächte nicht schlafen konnte. „Ich muss schon auf meine Überlebenden aufpassen“, sagt sie fast fürsorglich. „Jeder Zeitzeuge, der die Kraft hat zu sprechen, ist für mich ein Held.“

Text: Ute Nitzsche
Foto: PR

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