"Für Schweizer Stiftungen ist Fundraising essentiell!"

Fundraising und Anlagestrategien bei Schweizer Stiftungen
Dr. Christoph Degen, proFonds, sieht die Schweizer Stiftungen auf gutem Weg.

Darum geht's: Spenden, Stiftung, Schweizer Stiftungstag, Anlagestrategie

Die Finanzkrise hat auch den Schweizer Stiftungssektor getroffen. Matthias Daberstiel sprach mit dem Stiftungsexperten und Geschäftsführer des Dachverbandes gemeinnütziger Stiftungen in der Schweiz proFonds  Dr. Christoph Degen über Anlagestrategien in Krisenzeiten, Fundraising und den kommenden 30. Schweizer Stiftungstag des Verbandes am 7. November in Bern.

Der Schweizer Stiftungssektor wird immer wieder als führend in Europa bezeichnet. Warum ist das so?

Verschiedene Faktoren sind hier von Bedeutung. Zu nennen sind insbesondere die langfristige gesellschaftliche und politische Stabilität sowie die wirtschaftliche Prosperität der Schweiz. Ganz besonders gefördert wird das Stiften auch durch die liberalen gesetzlichen Rahmenbedingungen in Bezug auf das Stiftungsrecht und das steuerliche Gemeinnützigkeitsrecht (Steuerbefreiung und Spendenabzug). Dies alles bildet einen idealen Nährboden für das Engagement vieler Bürger und zunehmend auch von Unternehmen als Stifter. In einem freiheitlich-demokratischen Staat wie der Schweiz ist das Stiften auch Ausdruck einer ausgeprägten Privatautonomie und Eigeninitiative der Bürger. Sie wollen selber Verantwortung für Mitmensch und Umwelt übernehmen und etwas Gutes für die Gesellschaft tun.

Tiefe Zinsen treffen Schweizer Stiftungen hart

Wie hart hat die Finanzkrise die Schweizer Stiftungen getroffen?

Hart getroffen wurden die Stiftungen, die auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ihre Aktien-Investments abgestoßen haben. Damit haben sie Verluste realisiert und wohl auch den Wiederaufschwung der Börsen verpasst. Sie brauchten danach viel länger, um diese Verluste wieder aufzuholen. Stiftungen, die ihre Aktien-Anlagestrategie durchgezogen haben, hatten bloß Buchverluste und konnten vom späteren Aufschwung profitieren. Hart getroffen wurden sehr viele Stiftungen aber vor allem nach der Finanzkrise durch die anhaltende Phase tiefster oder sogar negativer Zinsen auf Anleihen und Barguthaben.

Gab es Konsequenzen in Form geringerer Förderung oder gar Auflösung?

Viele Stiftungen legen ihr Vermögen zu einem großen bzw. überwiegenden Teil in Nominalwerten, vor allem in Anleihen, an. Wegen der weitestgehend ausbleibenden Zinserträge mussten solche Stiftungen ihre Förderleistungen reduzieren. In Einzelfällen kam es auch zu Auflösungen. Stiftungen hingegen, die in angemessenem Mass in dividendenstarke Aktien investiert haben, konnten dank der entsprechenden substantiellen Erträge weiterhin ihre Zwecke gut erfüllen. Einige Stiftungen haben auch ihre Statuten geändert und sich von einer Stiftung mit Kapitalerhalt in eine sogenannte Verbrauchsstiftung umgewandelt. So können sie zur Erfüllung des Stiftungszwecks über die Erträge hinaus auch das Vermögen selbst antasten oder sogar verbrauchen. Wichtig ist, dass sich die Stiftungen mit den Fragen rund um die Vermögensbewirtschaftung und die Mittelverwendung befassen und gegebenenfalls die erforderlichen Änderungen vornehmen bzw. der Aufsichtsbehörde beantragen.

Fundraising für Stiftungen immer wichtiger

Welche Bedeutung hat das Fundraising für die Schweizer Stiftungen in den letzten Jahren erlangt?

Für immer mehr Stiftungen ist das Fundraising essentiell. Schätzungsweise gegen 80 Prozent der Schweizer Stiftungen verfügen über ein Vermögen von weniger als CHF 5 Mio. Beträchtlich ist auch der Anteil Stiftungen, die weniger als eine Million Schweizer Franken besitzen. Entsprechend gibt es zunehmend auch Förderstiftungen, die ihre finanzielle Leistungskraft durch Fundraising erhöhen. Immer mehr Stiftungen werden somit ihrerseits zu Gesuchstellern. Es kommt dadurch zu einer Dualität: Stiftungen sind oft zugleich Geldgeber und Empfänger von Förderleistungen. Für die Mehrheit der operativen Stiftungen und NPO ist und bleibt das Fundraising ohnehin existenziell wichtig.

30. Schweizer Stiftungstag am 7. November in Bern

Sie organisieren mit Ihrem Verband proFonds gerade den Schweizer Stiftungstag in Bern im Zentrum Paul Klee. Was können Besucherinnen und Besucher dort erwarten?

Das Generalthema des 30. Schweizer Stiftungstags lautet "Stiftungen zwischen Freiheit, Regulierung und den Herausforderungen von heute". Obwohl, wie erwähnt, die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Stiftungen grundsätzlich gut sind, stellen wir auch in der Schweiz eine zunehmende Regulierung fest. Auch bei einigen Behörden macht sich eine Tendenz zu mehr Bürokratie bemerkbar. Diese Entwicklung wollen wir analysieren und breit diskutieren - aus der Sicht der Stiftungen, Gesellschaft, Wissenschaft, Politik, aber auch der Behörden. Zudem befassen wir uns mit den aktuellen Herausforderungen für Stiftungen, namentlich mit dem neuen Datenschutzrecht und auch mit der voranschreitenden Digitalisierung. Letztere ist zugleich eine Chance für die Optimierung von Stiftungstätigkeiten - nicht zuletzt auch beim Fundraising. Traditionell werden wir auch über die aktuellen rechtlichen Entwicklungen berichten und wieder viel Platz für das Networking bieten. Es gibt also gute Gründe, am 7. November ins Zentrum Paul Klee nach Bern zu kommen. 

Stiftungsräte gesucht

Vor welchen Herausforderungen stehen die Schweizer Stiftungen in den nächsten Jahren?

Neben den erwähnten Themen, die wir am Schweizer Stiftungstag behandeln, werden Stiftungen auch in den nächsten Jahren vor allem durch das Fundraising bzw. die Erwirtschaftung genügender Mittel für die Erfüllung des Stiftungszwecks gefordert sein. Eine gute Anlage des Stiftungsvermögens bzw. ein gekonntes Fundraising werden sehr wichtig sein und bleiben. Von zentraler Bedeutung werden auch Innovation und Wirksamkeit bei der Erfüllung des Stiftungszwecks sein. Neben den bekannten Fördermethoden, vor allem den Förderbeiträgen à fonds perdu, werden neue Wege beschritten werden müssen, damit Stiftungen ein Optimum an gesellschaftlichem Nutzen erzielen können. Und schließlich möchte ich in dieser nicht abschließenden Aufzählung von Herausforderungen auch die Suche nach geeigneten Mitgliedern der Stiftungsorgane erwähnen. Benötigt werden schätzungsweise 70'000 Personen für die Stiftungsräte, die engagiert, sachkundig und umsichtig die Geschicke der Stiftungen lenken. Sie zu finden, ist alles andere als einfach.

Wie kann proFonds hier Akzente setzen?

Unser Dachverband wird sich weiterhin mit Nachdruck für optimale Rahmenbedingungen einsetzen, damit sich die Stiftungen und NPO in unserem Land bestmöglich zum Wohl der Gesellschaft entfalten können. Das heißt einerseits eine konstruktive Optimierung der bestehenden Rahmenbedingungen und andererseits die Verhinderung nachteiliger Entwicklungen. Mit einer von proFonds wesentlich geprägten und unterstützten parlamentarischen Initiative wollen wir acht gezielte Verbesserungen des Stiftungs- und des steuerlichen Gemeinnützigkeitsrechts herbeiführen. Dadurch soll der Stiftungsstandort Schweiz weiter gestärkt werden. Die Initiative ist in der parlamentarischen Beratung. Zudem wird proFonds weiterhin den Stiftungen und NPO das Wissen, die Erfahrungen und Informationen vermitteln, damit diese sich den Herausforderungen von heute und morgen erfolgreich stellen können. Auch künftig werden wir somit unsere Akzente auf ein intensives Lobbying zugunsten der Stiftungen und NPO sowie auf den Wissens- und Erfahrungsaustausch und die Vernetzung zwischen den Stiftungen und NPO setzen.

Text: MD
Foto: proFonds Dachverband gemeinnütziger Stiftungen in der Schweiz

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