Vögel zählen im Ehrenamt – mehr als nur Spaß

Der Zustandsbericht über Schutzgüter von europäischer Bedeutung zeigte 2015, dass sich 77 Prozent der Lebensraumtypen und gut zwei Drittel der Arten europaweit in einem ungünstigen Erhaltungszustand befinden. Wie man Naturbegeisterte für eine solche Problematik sensibilisieren kann, zeigt sich am Spendenlauf Bird Race.

 

Von Rico Stehfest

Der frühe Vogel ist zwar angeblich der erfolgreichste, aber nicht in jedem Fall muss man zeitig aus den Federn, um Erfolg zu haben. In Österreich kann man beispielsweise erst um 15 Uhr ganz entspannt an den Start gehen. In der Schweiz hingegen sind sogar die Nachtaktiven gefragt. Da fällt der Startschuss erst um 21 Uhr. Diese Zeitpunkte markieren den Beginn der jeweiligen Ausgabe des Bird Race, einer Art Sponsorenlauf für den Erhalt gefiederter Freunde. Und natürlich für eine Aktion mit besonderem Spaßfaktor. Jeweils im September (Schweiz) und im Mai (Österreich) begeben sich Teams von mindestens zwei Teilnehmern in die Spur, um mittels Fernglas und geübtem Gehör innerhalb von 24 Stunden so viele Vogelarten wie nur möglich zu bestimmen.

Natürlich ist dabei der absichernde Blick ins Bestimmungsbuch erlaubt. Strikt verboten hingegen ist der Einsatz von PKWs. Um den Landstrich seiner Wahl auf der Suche nach mehr oder minder seltenen Vogelarten zu durchstreifen, ist die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel genauso legitim wie der Einsatz des eigenen Fahrrades. Oder eben zu Fuß. Erlaubt ist übrigens auch die Fortbewegung auf dem Rücken eines Vierbeiners. Und das alles, wie könnte es auch anders sein, für einen guten Zweck. Wie bei einem klassischen Sponsorenlauf üblich suchen sich die einzelnen Teams im Vorfeld Sponsoren, die sich bereit erklären, einen bestimmten Betrag pro gesichteter Vogelart zu zahlen.

Deutschland mit neuem Zähler-Rekord

Für den offensichtlichen Spaß mit nicht zu unterschätzendem sportlichen Aspekt stehen schon allein die Zahlen: In der Schweiz gingen 2015 anlässlich der 25. Ausgabe des Bird Race 27 Teams an den Start, von denen allein die zehn erfolgreichsten Teams insgesamt mehr als CHF 36.000 (ca. 33.200 €) sammelten. Selbstverständlich kommen die gesammelten Gelder stets ornithologischen Projekten zugute. 2015 war es die Artenförderung durch den Schweizer Vogelschutz in der Region Grosses Moos.

In Österreich gehen die Spenden stets an das Bundesland, in dem die meisten Arten bestimmt werden konnten. Im vergangenen Jahr war dies erstmalig Tirol. Bei der zwölften Auflage des Bird Race gingen mehr als 250 Personen in 89 Teams auf „Vogeljagd“. Knapp über 5.000 Euro waren das Ergebnis.

Auch in Deutschland hat das „Rennen“ seine Tradition. In diesem Jahr geht der bundesweite Wettbewerb bereits in die 13. Runde. Die Ausgabe im vergangenen Jahr hat dabei einen neuen Rekord aufgestellt. Mit mehr als 900 Teilnehmern in über 250 Teams gab es so viele Teilnehmer wie in keinem Jahr zuvor. Mehr als 200 Spender unterstützten das Bird Race mit fast 25.000 Euro. Die Verwendung der Spendengelder wird jedes Jahr aufs Neue durch die Mitgliederversammlung des Veranstalters, dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA), bestimmt. Seit 2010 profitiert die Internetdatenbank ornitho.de von den Spenden. Dort können die Ergebnisse durch die einzelnen Teams eingetragen werden. Mittels der Spenden wird die Pflege und Weiterentwicklung des Portals gewährleistet.

Sportlicher Ehrgeiz und Freude an der Natur

Was aber genau macht den Reiz des Birden aus, wie die Beobachtung von Vögeln in ihrem natürlichen Lebensraum auch genannt wird? Johannes Wahl, Koordinator beim DDA, kennt die Hintergründe: „Der Teilnehmerkreis ist von den Interessen her sehr gemischt: Es beteiligen sich die besten Vogelbeobachter Deutschlands ebenso wie ‚nur’ an der Vogelbeobachtung und der Natur Interessierte. Antrieb dürfte bei den meisten eine Mischung aus sportlichem Ehrgeiz und dem gemeinsamen, sehr intensiven Naturerlebnis im Team sein. Es ist eben schon etwas Spezielles, wenn man nahezu einen ganzen Tag unterwegs ist und unter Adrenalin steht. Es könnte ja jederzeit eine neue Art auftauchen, und dann muss das Team wach sein, denn eine Art darf ja nur gezählt werden, wenn die Mehrzahl der Teilnehmer sie auch gesehen oder gehört hat. Die meisten Teams brauchen den Tag danach tatsächlich zur Erholung.“ Da überrascht es nicht, dass auch der Gedanke des Suchtfaktors nicht weit liegt. Das zeigen eben auch die stetig steigenden Teilnehmerzahlen.

Es handelt sich also keineswegs um eine „special interest“-Angelegenheit, bei der eventuelle Freaks ganz unter sich sind. Da dank guter Nachschlagewerke die Bestimmung der einzelnen Arten relativ leicht gelernt werden kann, weist die Veranstaltung eine niedrige Hemmschwelle auf und ist somit attraktiv für Naturbegeisterte jeglichen Alters. Auch die Herausforderung, das eigene Auto beim Ausflug ins Grüne stehen zu lassen, macht einen weiteren Reiz aus. Bei der deutschen Ausgabe ist dies zwar nicht Pflicht, jedoch kommen immer mehr Teams der Empfehlung nach, sich aufs Rad zu schwingen oder sich einzelne Gebiete zu erwandern. Dadurch wird der Bezug zur Natur gefördert, wobei der Reiz des Wettbewerbes, möglichst viele Arten zu bestimmen, einen weiteren wichtigen Aspekt darstellt. Nicht wenige Teams scheuen keinen Aufwand, im Vorfeld eine genaue Route mit idealen Brut- und Beobachtungsplätzen zu erarbeiten. Das Sammeln von Geldern für den guten Zweck steht dabei eher selten im Vordergrund. „Das Spendenrennen ist für die meisten Teams nicht das primäre Ziel; eine lange Artenliste und das Erlebnis an sich sind viel wichtiger. Dennoch beteiligen sich erfreulich viele Teams daran, sodass jedes Jahr eine erkleckliche Summe für das jeweilige Projekt zusammenkommt. Einzelne Teams spezialisieren sich aber auch darauf und wollen dort Spitze sein. Mit einer Verlosung von Preisen danken wir für den teils sehr aufwendigen Einsatz der Teams zur Sammlung von Spenden“, so Wahl.

Foto: Michael Gerber/BirdLife Schweiz

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