Totale Überwachung? Kaum Datenschutz für Obdachlose

Die Obdachlosen-App bietet kaum Privatspähre
Die Obdachlosen-App bietet kaum Privatspähre

Darum geht's: Crowdfunding, Pennsylvania, Obdachlose, Privatsphäre

Hinsehen ist ja eben nicht einfach. Obdachlose stecken oftmals in einer Verkettung unglücklicher Umstände, aus denen sie ohne Hilfe kaum einen Ausweg finden können. Eine US-amerikanische App will unkompliziert Hilfe in Form von schnellen und einfachen Spenden bringen. Der Haken daran: Dazu werden die Obdachlosen quasi überwacht.

Die „Streets of Philadelphia“ sind für Obdachlose nicht nur im Winter rau. Um diese Situation sowohl kurzfristig also auch langfristig zu verbessern, haben zwei Mitarbeiter der University of Pennsylvania eine App entwickelt. Deren Funktionsweise kann man wie folgt beschreiben:

Individualisierte Profile einzelner Obdachloser zeigen deren konkreten aktuellen Bedarf verschiedenster Gegenstände. Das können Socken sein oder Unterwäsche oder vielleicht eine Zahnbürste. Will man einen der Obdachlosen unterstützen, spendet man via Paypal für einen der Gegenstände einen beliebigen Betrag. Wurde der Artikel finanziert (Stichwort: Crowdfunding), wird der Obdachlose informiert und kann sich das Gewünschte in einer Servicestelle für Obdachlose abholen. So weit, so gut. Einfache Hilfe, schnell und unkompliziert.

Datenschutz sieht anders aus

Man kann dieses Projekt aber auch ganz anders beschreiben: Als sorgloser (weil nicht obdachloser) Bürger flaniert man die Straße entlang und erfährt, sofern man die App installiert hat, ob im eigenen Umkreis von gut 45 Metern ein Obdachloser sitzt. Das ist möglich, weil jener Obdachlose nämlich mit einem Bluetooth-Sender ausgestattet ist. Jetzt hat man also nicht nur die Möglichkeit, einen möglichst großen Bogen um die Person zu machen, sondern schaut sich zusätzlich das Foto des Obdachlosen an, erfährt seinen Namen und seine persönliche Geschichte.

Mit Sicherheit möchte nicht jeder Obdachloser als solcher zum einen identifiziert werden und zum anderen das Ganze auch noch ohne seine Kontrolle. Und wenn einem der Obdachlose oder dessen Geschichte nicht gefällt, dann wählt man sich eben einfach einen anderen aus. Es muss nicht derjenige aus direkter Nähe sein; man kann alle registrierten Personen einsehen. Früher nannte man dergleichen einen Eingriff in die Privatsphäre. Aber die war ja schon abgeschafft, bevor das postfaktische Zeitalter ausgerufen wurde.

Neue Socken nur bei guter Führung

Aber das ist noch nicht alles. Der „Kunde“ oder „Klient“ (client), wie die Obdachlosen dieses Projektes genannt werden, wird im Fall erfolgreicher Finanzierung von ein paar Socken per SMS informiert. Hoffentlich hat der „Kunde“ auch immer eine Steckdose in Reichweite. Die heutigen Akkus halten ja nicht mehr sonderlich lange. Und seine „Spende“ bekommt er auch nicht einfach so ausgehändigt. Dazu muss er sich vorher zur Zusammenarbeit mit einem Sozialarbeiter bereit erklären, um gemeinsam mit ihm einen Plan aufzustellen, der eine Strategie enthält, wie der Obdachlose wieder an einen Job kommen kann, wie Gesundheitsvorsorge möglich ist und, natürlich, wie er wieder an ein Dach über dem Kopf gelangt.

Das ist nicht nur entwürdigend, sondern stellt den Begriff des sozialen Engagements in ein sehr bedenkliches Licht.

Text: Rico Stehfest
Foto: Jonathan Stutz/AdobeStock

Der Artikel ist in der Ausgabe 2/2017 des Fundraiser-Magazins erschienen.

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