Fähigkeiten statt Defizite – Autisten auf dem ersten Arbeitsmarkt

Viele Autisten sind sehr gut ausgebildet.

Darum geht's: Crowdfunding, Autismus, Social Business, Deutscher Gründerpreis

Etwa 800.000 Autisten leben in Deutschland. Trotz guter bis sehr guter Schulbildung, bis hin zu erfolgreichem Studienabschluss, sind laut einer Studie der Universität Regensburg rund 85 Prozent der Autisten arbeitslos. Das Unternehmen Diversicon sieht darin Chancen und Potenziale für die Wirtschaft.

Mit der Thematik Autismus verbinden wohl nach wie vor die meisten Dustin Hoffman als „Rain Man“. Die Besonderheit jener Figur bestand gerade in dessen sogenannter Inselbegabung, also besonderer Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet. Mit diesem Bild sollte man allerdings vorsichtig umgehen. Autisten sind nicht automatisch sonderbare Genies. Gut die Hälfte aller Inselbegabten sind Autisten. Aber ein Autist ist nicht automatisch inselbegabt. Ganz im Gegenteil: Das ist nur ein kleiner Teil.

Potenziale von Autisten sollen nicht länger brachliegen

Trotzdem resultiert daraus nicht eine etwaige grundlegende Unfähigkeit, das eigene Leben zu gestalten und zu bestreiten. Nur sind die gegebenen Strukturen unserer Arbeitswelt nicht in jedem Fall sonderlich geeignet für Menschen, die als sozial weniger kompetent gelten. Das weiß Dirk Müller-Remus besonders gut. Er ist nicht nur selbst Vater eines autistischen Sohnes. Aufgrund dieser persönlichen Betroffenheit hat er sich intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt und die Potenziale von Autisten erkannt, die angesichts der in dieser Gruppe verbreiteten Arbeitslosigkeit brachliegen. Deshalb hat er bereits 2011 die Auticon GmbH gegründet, mit der er erfolgreich Autisten für Jobs im IT-Bereich vermittelt. Das Social Business beschäftigt mittlerweile 100 Mitarbeiter, von denen 80 Autisten sind. Dafür gab es 2015 den Sonderpreis des Deutschen Gründerpreises.

Und da Müller-Remus für Deutschland auf der Basis eigener Analysen knapp 23 400 für den Arbeitsmarkt geeignete Autisten ausgemacht hat, hat sich der Betriebswirt den Unternehmensberater René Kuhlemann ins Boot geholt und gemeinsam mit ihm den quasi nächsten logischen Schritt getan: Mit der Gründung des ebenfalls als Social Business angesetzten Unternehmens Diversicon bleibt die Zielgruppe der Autisten, jedoch erweitern die beiden Gründer das Portfolio der möglichen beruflichen Tätigkeiten der potenziellen Arbeitnehmer. René Kuhlemann umreißt den Ansatz wie folgt: „Unsere Zielgruppe sind Menschen, die bereits die notwendige Ausbildung oder sonstige Fachkompetenzen für den ersten Arbeitsmarkt haben, denen dieser jedoch aufgrund anderer Hindernisse versperrt bleibt. Solche Menschen wären in einer Behindertenwerkstatt einerseits völlig unterfordert, schaffen aber andererseits den Schritt in eine Festanstellung häufig nicht ohne Hilfe und erleben diese Situation als gesellschaftliche Ausgrenzung. Hier möchten wir mit unserem Angebot unterstützen, wobei aber geeignete Fachkompetenzen (auch ohne formalen Abschluss) und eine grundlegende psychosoziale Eignung Voraussetzungen sind.“

Mittelfristiges Ziel: Festanstellung

Die Nachfrage existiert in jedem Fall. Das zeigen nicht nur die Erfahrungen mit Auticon. Und obwohl sich Diversicon noch in der Aufbauphase befindet, erhält das Team bereits Initiativbewerbungen. Zu einem Bewerbungsgespräch werden dann später im Übrigen alle Bewerber eingeladen. Denn besonders für Autisten gilt, dass ein Lebenslauf kaum Rückschlüsse auf besondere Fähigkeiten oder Interessen zulässt. Die Prüfung der Bewerber erfolgt entsprechend gewissenhaft. „Unserem Sozial- und Methodenkompetenz-Training ist eine etwa einwöchige Eignungsfeststellungsphase vorgeschaltet, in der wir alle Interessenten besser kennenlernen möchten. In dieser Phase führen wir auch verschiedene Kompetenzanalysen durch, die Hinweise darauf geben, welche Fähigkeiten besonders ausgeprägt sind, wo Interessen und Schwerpunkte liegen“, so Kuhlemann weiter.

Bei entsprechender Eignung soll die Vermittlung an Unternehmen zunächst über ein Zeit- oder Leiharbeitsmodell gestaltet werden, mit dem mittelfristigen Ziel einer Festanstellung. Dazu bedarf es natürlich auch eines entsprechenden Coachings und der Begleitung des Arbeitgebers. Umfang und Dauer können dabei variieren: „Das Jobcoaching kann fortgesetzt werden, solange Arbeitnehmer und Arbeitgeber es für sinnvoll halten. Aus unserer Erfahrung ist der Jobcoach als ‚Sozialer Übersetzer‘ und Moderator in Konfliktfällen ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor in der dauerhaften Stabilisierung des Arbeitsverhältnisses, wobei die Intensität des Coachings im Verlauf durchaus variieren kann.“ Teil des Finanzierungsmodells für das Social Business ist eine Crowdfundingkampagne mit Impact Loans auf der Plattform Companisto.

Text: Rico Stehfest
Foto: George Dolgikh/Adobe Stock

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