Schöner scheitern: mit Spendengala und Tonkassetten

Fundraising schöner scheitern
Achtung, Rutschgefahr! Fehler passieren auch im Fundraising.

Darum geht's: Fundraising, Spenden, Spendengala, Vereine

Aus Fehlern kann man lernen, dafür muss man sie nicht alle selber machen! Das Fundraiser-Magazin stellt in der Serie „Schöner scheitern“ kleine und große Fehler von Fundraising-Aktionen vor. Was z.B. tun, wenn zwar große Ambitionen vorhanden sind, dafür aber viel zu wenig Zeit ist? Oder wenn eine Sängerin in Geldnöten Unmengen an Tonkassetten an ein kirchliches Hilfswerk verkaufen will?

Mindestens zwei kleine mittelständische Betriebe habe ich im Laufe meiner Fundraiser-Karriere ruiniert, nicht wirklich, aber ich habe die Schuld für deren Scheitern auf mich genommen.

Einmal, als ich für eine Umweltorganisation tätig war, rief mich mit aufgeregter Stimme der Inhaber eines großen Schreibwarengeschäfts in Norddeutschland an und unterbreitete mir den Vorschlag, für meine Organisation eine große Spendengala auszurichten. Er habe alle Kontakte, und das werde eine große Sache. Wir verabredeten uns gleich für den nächsten Nachmittag in Frankfurt. Der Mann aus der Schreibwarenbranche erschien aber schon am frühen Vormittag und wirkte wie von allen Teufeln gehetzt, übernächtigt, verzweifelt, fahrig. Die Spendengala wollte er schon für die übernächste Woche organisieren und brauchte „nur“ noch unsere Zustimmung.

Spendengala mit 100 Prozent Overheadkosten

Da der Mann so früh kam, war noch niemand von der Geschäftsführung da. Ich vertröstete ihn auf den nächsten Tag, und gleich morgens kam sein Anruf. Ich musste absagen. In der Zwischenzeit hatte ich erfahren, dass das Geschäft in finanziellen Schwierigkeiten war, praktisch insolvent. Mir tat der Mann leid, und ich nahm alle „Schuld“ für die Absage auf mich. Immerhin musste ich fürchten, dass der Mann sich etwas antut. Aber eine Spendengala mit 100 Prozent Overheadkosten zur Rettung einer privaten Firma hätte ich mit keiner Ethikregel des Fundraisings rechtfertigen können.

Finanzielle Entlastung auf Vereinskosten

Beim zweiten Mal war ich für ein kirchliches Hilfswerk tätig. Eine damals bekannte Sängerin und ihr Manager hatten ein gutes Verhältnis zum Gründer des Werks aufgebaut und waren schon auf verschiedenen Veranstaltungen mit geistlichem Liedgut aufgetreten. Dann kam ein Brief, in dem sie ihre finanzielle Notlage schilderten und das Hilfswerk baten, eine jenseits aller Nutzungsmöglichkeiten liegende Menge ihrer auf Halde liegenden Tonkassetten aufzukaufen. Im Auftrag der Geschäftsführung fuhr ich zu Künstlerin und Manager, die idyllisch auf dem Land lebten. Dort musste ich ihnen sagen, dass es mit der finanziellen Entlastung auf Vereinskosten nichts wird. Das bereitete mir und sicherlich auch der anderen Seite schlaflose Nächte. Der Gründer des Hilfswerks kam dabei gut weg, denn ich nahm die Absage auf meine Kappe.


Text: Dr. Christoph Müllerleile
Foto: Pixabay/stevepb

Der Artikel ist in der Ausgabe 2/2019 des Fundraiser-Magazins erschienen.

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