Nachtschicht Hamburg: Profis helfen Non-Profits pro bono

Nachtschicht Hamburg Projekt für KinderLeben
Bei der Nachtschicht hatten die Kreativen für ein Projekt nur von 18 bis 2 Uhr Zeit.

Darum geht's: Ehrenamt, Spenden, Nachtschicht Hamburg, Kinderleben e.V., Opferhilfe Berlin

Einen Teil seiner Zeit spenden, das geht nicht nur im Ehrenamt beim Tierschutzverein oder der freiwilligen Feuerwehr. Auch Profis stellen bereitwillig ihr Know-how und ihre Zeit für den guten Zweck zur Verfügung, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die „Nachtschicht Hamburg“ ist da ein beispielhaftes Format.

„Manchmal geht es schneller, wenn kein Geld fließt“, stellt Daniel Hautmann fest. Der Journalist hat gemeinsam mit zwei Mitstreitern die „Nachtschicht“ nach Hamburg geholt. Die Idee: sechs gemeinnützige Organisationen mit sechs Kreativteams zusammenbringen, die gemeinsam Lösungen erarbeiten, die sonst eine Menge Geld kosten. Die dringend benötigte neue Website, eine überfällige Patenschaftskampagne, der lange aufgeschobene Imagefilm – im ersten Stock des Betahauses im Hamburger Schanzenviertel wird an all diesen Dingen unter Hochdruck gearbeitet. Und Hautmann wundert sich, dass alles so reibungslos läuft.

Profis helfen gern

Kaum einer der angefragten Kreativen habe abgelehnt, berichtet er. „Eigentlich haben wir offene Türen eingerannt.“ Die Profis wollten helfen – es brauchte nur jemanden, der diese Hilfe organisiert. Verabredet wurde alles per Handschlag. Für die Veranstaltung floss kein einziger Cent, weder für die kreative Leistung noch fürs Catering oder die Location. „Uns war der Tauschgedanke wichtig, deshalb haben wir gar nicht erst um Geldspenden gebeten.“

Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist groß. Studien wie der „ZiviZ-Survey 2017“ bestätigen das. Allerdings zeigt die repräsentative Umfrage auch: Jahrelang dasselbe Ehrenamt zu bekleiden, darauf haben heute nur noch wenige Lust. Der Grund sind veränderte Lebensmodelle, Vorstellungen und Werte. Wer jung ist und gut ausgebildet, wechselt häufig den Wohnort – und engagiert sich eher bei konkreten, zeitlich begrenzten Projekten mit flachen Hierarchien. Es geht darum, etwas zu bewegen – nicht Teil eines Vereins zu werden.

NGOs können sich bewerben

So gesehen ist die „Nachtschicht“ beispielhaft: Das Konzept kommt aus den Niederlanden – und hat mittlerweile Nachahmer in mehreren Ländern. Mitorganisator Bastian Henrichs war selbst schon als Kreativer bei einer Nachtschicht in Berlin dabei. In acht Stunden entwickelte sein Team einen Spot für die Opferhilfe Berlin. „Ich fand die Atmosphäre einfach klasse und dachte, das hätte ich gerne auch in Hamburg.“ Auf die Ausschreibung bewarben sich rund 30 gemeinnützige Initiativen, aus denen dann sechs Projekte ausgewählt wurden.

Die Kreativen stammen teils aus dem Netzwerk der Organisatoren, teils haben die Macher gezielt Agenturen angesprochen. Entscheidend war dabei immer die Frage: Wer passt zum Bedarf der Vereine? „Wir haben uns ganz bewusst nicht für Studenten entschieden, sondern wir wollten Profis, die Spaß daran haben, ihr Know-how zur Verfügung zu stellen“, sagt Henrichs. Das kurze Zeitfenster ist Teil des Konzepts: Für die Projektarbeit stand nur die Zeit zwischen 18 Uhr und 2 Uhr morgens zur Verfügung.

Sinn stiften mit Aufträgen im Non-Profit-Bereich

Claudia Kusserow gehört zum Kreativteam, das sich während der „Nachtschicht“ um den Förderverein „KinderLeben“ e. V. kümmert. Lange Zeit hatte die selbstständige Grafikdesignerin vor allem große Unternehmen als Kunden. „Aber das ging mir teilweise auch auf die Nerven“, berichtet sie. „Ich wollte etwas Sinnstiftendes tun – mit den Mitteln, die ich am besten beherrsche: Grafikdesign.“ Deshalb nimmt sie mittlerweile niedrigere Honorare in Kauf und sucht sich verstärkt Kunden aus dem Non-Profit-Bereich. Als sie von der Nachtschicht hörte, war sie sofort dabei.

„KinderLeben“ unterstützt Familien mit kranken, behinderten oder gar todkranken Kindern. „Das reicht von finanzieller Unterstützung über Ausflüge bis hin zu Nottaufen“, erklärt die Gründerin und ehrenamtliche Vorsitzende Ester Peter. Vom Kreativteam wünscht sie sich „ein Geschöpf, an das sich die Kinder, aber auch die Geschwisterchen mit ihren Ängsten und Sorgen wenden können“. In den Vereinsräumen gibt es bereits eine Wand mit einem aufgemalten Märchenwald, hier sollen nun noch Wichtel oder Feen Einzug halten – Figuren, die in der „Nachtschicht“ entwickelt werden.

Teamarbeit mit Unbekannten

Gemeinsam mit einem Programmierer, einem Grafiker und zwei Illustratoren arbeitete Kusserow an der Umsetzung. Niemand aus dem Team kannte sich vorher: „Das ist natürlich schon merkwürdig, weil jeder einen ganz anderen Arbeitsstil hat.“ Die Ideen entwickelten sie gemeinsam mit den Ehrenamtlichen. „Da muss man den Kunden auch lenken, der ja total aufgeregt ist“, erzählt sie.

Schließlich entschied sich das Team für zwei Figuren: ein robustes kleines Kerlchen mit Moped – und einem großen Ohr für die Kinder, an seiner Seite flattert eine Elfe. „Wir fanden zwei Charaktere besser, um sowohl jüngere als auch ältere Kinder anzusprechen“, sagt Kusserow. Die Figuren sollen vor Ort funktionieren, aber auch auf der Website, auf Briefpapier – oder vielleicht sogar einmal als Youtube-Film.

Am Ende des Abends ziehen die Macher eine positive Bilanz: „Wir würden das gerne im nächsten Jahr wiederholen“, sagt Hautmann. Doch dabei muss es nicht bleiben: Nachahmer sind ausdrücklich erwünscht. „Es wäre toll, wenn andere Städte die Idee aufgreifen.“ Ein Leitfaden dazu kann von der Website der „Nachtschicht“ heruntergeladen werden.

Text und Foto: Peter Neitzsch

Der Artikel ist in der Ausgabe 1/2018 des Fundraiser-Magazins erschienen.

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