Erfahrungsbericht: Fundraising (er)leben in UK

Jan Uekermann erlebte Fundraising in Großbritannien
Jan Uekermann erlebte Fundraising in Großbritannien

Darum geht‘s: Fundraising, Großbritannien, Charity, Brexit, Ken Burnett

Großbritannien wartet mit dem größten Spendenkuchen in Europa auf. Unser Korrespondent Jan Uekermann lebte mit seiner Familie eine Zeit lang in einer Kleinstadt in Südengland und traf überall auf Charity-Aktionen und Spendensammlungen. Aber ist das schon das ganze Geheimnis? Ein Bericht über UK zwischen Brexit und enormer Hilfsbereitschaft.

Schon länger hatten meine Frau und ich den Wunsch, eine Zeit lang in UK zu leben. Kein Arbeitgeber hatte darum gebeten; das ließ uns Freiheiten, machte aber die Wahl des Wohnortes nicht einfacher. Auf unserer Wunschliste: Nähe zum Meer, gute Verbindung nach London, Südengland. Das schränkte die Suche ein, und am Ende war es die „Mund-zu-Mund-Propaganda”, die uns nach Lewes brachte. Eine Stadt mit 16 000 Einwohnern, rund zwölf Kilometer nordöstlich von Brighton. Lewes bietet alles, was wir als kleine Familie brauchen: diverse Läden für den täglichen Bedarf, eine kleine Fußgängerzone, Angebote für die Freizeitgestaltung, wunderschön eingebettet in die hügelige Natur der hier beginnenden South Downs. Ach ja, ein eigenes Castle, eine eigene Brauerei und 18 Pubs hat Lewes auch.

Fundraising-Land England

In puncto Fundraising interessierte mich England ebenfalls. Das Land mit dem größten Spendenkuchen in Europa – wie kommt der zustande? Was machen die englischen Kollegen anders? In dieser Kultur einige Zeit zu leben, sollte mir einen guten Eindruck und viel neues Wissen geben. Lange darauf warten musste ich nicht.

Im neuen Leben erledigten wir zunächst die Alltagsdinge: SIM-Karte, einkaufen, umschauen, Leute kennenlernen und Kinderspielplätze erkunden. Zunächst also in die Stadt, vorbei an mindestens acht Charity-Secondhand-Shops. Auf dem Kassenbon für die SIM-Karte werde ich aufgefordert: Starte deine eigene Fundraising-Aktion auf www … What’s next? Einkaufen.

Durch die Fußgängerzone an den Charity-Infoständen vorbeischlängeln und in den Supermarkt. Hier begrüßt uns ein Infostand, der die Charity-Aktion der Woche vorstellt. Der Kauf von Bio-Obst und -Gemüse unterstützt The Prince of Wales’ Charitable Foundation. Nach dem Bezahlen kann Gekauftes gleich wieder in Boxen gelegt werden, um es der Foodbank zu spenden. Unsere Kinder erhalten kleine Plastikchips, die sie sogleich wieder abgeben und damit abstimmen sollen: Entscheide dich für eines dieser drei lokalen Hilfsprojekte.

Irgendwas ohne Charity-Faktor?

Zurück zuhause liegt im Briefkasten der Sammelbeutel für Altkleider und ein weiterer Spendenaufruf. Langsam frage ich mich, ob es Bereiche gibt, die nicht vom Fundraising durchdrungen sind. Bitte nicht falsch verstehen! Es stört mich nicht, ganz im Gegenteil. Es fasziniert mich, wie die Gedanken des Gebens und Teilens überall zu sein scheinen. Doch die Erwartung bleibt, dass es irgendwas geben muss, wo kein Charity-Faktor dabei ist. Weit gefehlt! Das Eintrittsgeld in die Disko wird gespendet, das Open-Air-Festival hat Charity-Partner, in der Bank wird für Projekte gesammelt, in jedem Geschäft steht eine Spendendose, die Sing- und Spielgruppen der Kinder finanzieren sich auf Spendenbasis.

Die englischen Fundraising-Experten sind sich dieser Penetranz durchaus bewusst – mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt: ein riesiges Spendenaufkommen von über elf Milliarden Euro für das Jahr 2015, aber eben auch ein viel größerer Fokus der Medien auf das Fundraising insgesamt und viel öfter reißerische Berichte der Boulevardpresse.

Über die Auswirkungen des Brexit herrscht in Fundraising-Kreisen große Ratlosigkeit. Experten wie Ken Burnett http://www.kenburnett.com/ rechnen mit großen und kostspieligen Auswirkungen, doch was genau das bedeutet, weiß niemand. Das zeigt sich in Gesprächen und auch direkt nach dem Votum in der Podiumsdiskussion der Fundraising-Convention des Institute of Fundraising im vergangenen Juli.

Das Institute of Fundraising

Das sogenannte IoF ist der hiesige Fundraisingverband und Veranstalter der größten Fachveranstaltung in Europa mit über 2500 Teilnehmenden. Doch damit nicht genug! Mitglieder des IoF erhalten ein großes Angebot zum Netzwerken, Weiterbilden und anderen Service. Bei der Anmeldung gebe ich an, in welcher Region ich arbeite und erhalte im Anschluss die Newsletter dieser Regionalgruppen. Unzählige Fachkonferenzen werden zu Spezialthemen des Fundraisings angeboten, sei es die Future of Corporate Partnerships Conference, Community Fundraising Conference, Conference with Christian funders and donors, die Major Gift Fundraising Conference oder die Face-to-Face-Fundraising Conference. Firmen-Mitglieder schwärmen von der Fülle an Nachrichten und Erinnerungen bezüglich Events, vergünstigten Tickets, der Außenwirkung des Mitgliederstatus’ oder der Unterstützung, sich zu präsentieren und mit den Mitgliedern zu vernetzen.

Zurück nach Lewes. Es dauerte drei Monate, bis wir jemanden trafen, der sagte: „Ich habe gegen euch gewählt.“ Die Leave-Wähler verloren in Lewes knapp mit 48 Prozent. Die vielen „Remain“-Schilder in den Fenstern der Wohnhäuser in Lewes vermittelten uns ein anderes Bild und auch sonst zeigte sich eher Bestürzung denn Freude.

Inzwischen fühlen wir eine Art Resignation bei unseren Nachbarn und neuen Freunden. Bleibt uns, ihnen zu wünschen, dass alles irgendwie gut werden wird. Das Land, die Menschen und vor allem ihre enorme Hilfsbereitschaft – ob durch professionelles Fundraising oder einfach durch helfende Hände – haben es verdient.

Text: Jan Uekermann
Foto: privat

Der Artikel ist in der Ausgabe 3/2017 des Fundraiser-Magazins erschienen.

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