„Ist Meinungsfreiheit auch dann noch gut, wenn über mein Projekt berichtet wird?“

Daniela Münster-Daberstiel

Kennen Sie das: Ein Journalist ruft an, möchte Informationen über Ihr aktuelles Projekt. Ihr Chef ist begeistert. „Toll, wir kommen in die Zeitung, das bringt Aufmerksamkeit und vielleicht sogar Spenden“. Und damit auch ja nichts schiefgeht, möchte der Chef den Artikel lesen, bevor er gedruckt wird. „Freigeben“ nennt er das und glaubt, das sei sein gutes Recht.

Der Journalist ist empört. Freigeben kann Ihr Chef einen Werbetext, für den er bezahlt. Aber einen redaktionellen Beitrag beeinflussen, korrigieren oder gar blockieren – das ist Zensur! Je nachdem, wie oft der Journalist mit solchen Forderungen konfrontiert ist und wie ernst er seinen Job nimmt, verleiht er seiner Empörung Ausdruck.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 5, steht: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Ihr Chef achtet natürlich das Grundgesetz. Er weiß zu schätzen, wie wichtig Demokratie ist. Er ist besorgt um die aktuelle Entwicklung in Polen, unserem Nachbarland. Er verfolgt kritisch die Medienzensur in der Türkei, ist empört über drastische Strafmaßnahmen für staatskritische Blogger in Saudi-Arabien oder über Inhaftierungen von Journalisten in China.

… und darüber, dass der „Schmierfink von der Lügenpresse“ den Namen Ihrer NGO nicht komplett in Großbuchstaben geschrieben hat. Auch hat der Reporter in seinem Artikel nicht so gender-gerecht formuliert, wie es die Gleichstellungsbeauftragte in Ihrer NGO korrekt findet. Die kleine Kritik am Projekt hätte sich der Schreiberling wirklich sparen können – was sollen jetzt Ihre Sponsoren denken!

Die Frage in der täglichen Praxis ist doch die: Ist Presse- und Meinungsfreiheit auch dann noch gut, wenn über mein Projekt oder meine NGO - vielleicht auch kritisch - berichtet wird? Was sagen Sie?

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