Ukraine: "Wir orientieren uns an der europäischen Rechtsprechung"

Svitlana Kuts - Zivilgesellschaftund NGOs in der Ukraine

Die Zivilgesellschaft in der Ukraine wandelt sich schnell. Svitlana Kuts, Gründerin der Institute of Professional Fundraising in der Ukraine und Mitglied im Board of Directors der European Fundraising Association, beobachtet die Umbrüche. Im Interview mit Paul Stadelhofer erzählt Kuts von Spenden an ukrainische Truppen und von Misstrauen gegenüber der öffentlichen Verwaltung.

Es gibt derzeit 74.500 NGOs und 14.015 gemeinnützige Organisationen in der Ukraine. Wie haben sich die Entwicklungen des vergangenen Jahres auf die Zivilgesellschaft ausgewirkt?
Wir haben etliche registrierte Körperschaften aber sehr viele Leute sind auch ohne Registrierung aktiv. Nach den Unruhen am Maidan in Kiew wurden im vergangenen Jahr Tausende Nicht-Regierungs-Organisationen angemeldet. Die Soziologie zeigt uns, dass 35 Prozent der Ukrainer für anerkannte Anliegen, wie die Unterstützung von Kriegsopfern, für die Flüchtlings- oder die Kinderhilfe spenden.

Also erlebt das gesellschaftliche Engagement einen Aufschwung?
Es ist absolut begeisternd, was momentan in der Ukraine passiert. Kirchen bieten beispielsweise sehr viel Unterstützung für Aktivisten. Sie sammeln Spenden, helfen Freiwilligen und sie sind an den problematischsten Brennpunkten im Osten der Ukraine aktiv, wo sie den Menschen beim Überleben helfen und wo sie Menschen dabei helfen, das Kriegsgebiet zu evakuieren. Das ist eine unglaubliche soziale Unterstützung

Wie ist die derzeitige Beziehung zwischen Organisationen und Verwaltung?
Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was vor und was nach dem Maidan war. Unser letzter Präsident Wiktor Janukowytsch versuchte zwar auf Europa zuzugehen, manipulierte und verfälschte zugleich aber die Entwicklung der Zivilgesellschaft, welche von der EU gefordert wurde.

In welcher Form?
Es wurde ein öffentlicher Rat geschaffen, der aus Repräsentanten von Nicht-Regierungs-Organisationen bestand. Viele Nicht-Regierungs-Organisationen sind anerkannte Experten und haben Wissen in Bereichen, welche für die Regierung interessant sind. Sie sollten die Regierung in diesen Bereichen beraten und damit die öffentliche Partizipation absichern. Einigen Organisationen wurde es aber überhaupt nicht erlaubt, sich für diesen öffentlichen Rat zu bewerben.

Und das wurde akzeptiert?
Es gab verschiedene Skandale, als Nicht-Regierungs-Organisationen, die im Bereich der europäischen Integration tätig sind, nicht an den Rat herantreten konnten, welcher vom Außenministerium eingerichtet wurde. Ähnliches passierte in fast allen Regierungsbereichen. Es wurden sogar einige Schein-Organisationen gegründet, die den Intergrations-Prozess vorantreiben sollten. Das war ein klarer Täuschungsversuch und eine Manipulation, die für echte Nicht-Regierungs-Organisationen Probleme geschaffen hat.

Was waren die Folgen davon?
Jetzt, nach den Ereignissen am Maidan, ist es an der Zeit alle Staatsorgane und die Besetzung des Rates zu ändern. Die Menschen gehen auf die Regierung zu und die Regierung steht auch unter dem Druck der Nicht-Regierungs-Organisationen. Sie wandelt sich, langsam aber konstant.

Der Civil Society Organisation Sustainability Index kritisierte, dass Regierungsorganisationen 2013 ein negatives Bild von sozialen Organisationen vermittelt haben. Hat sich das ebenfalls geändert?
Momentan gibt es keine Möglichkeiten für die Regierung irgendeine Nicht-Regierungs-Organisation zu gründen, da die Menschen ihr nicht vertrauen. Die Menschen vertrauen überhaupt keiner Organisation mehr, die von der öffentlichen Hand gegründet wurde.

Im Jahr 2013 stellte der Staat immerhin acht Prozent des Budgets von Nicht-Regierungs-Organisationen in der Ukraine. Ist der Staat immer noch ein Unterstützer dieser Organisationen?
Heute unterstützen eher die Organisationen den Staat. Manche Organisationen kaufen zum Beispiel Armee-Ausrüstung, um ukrainische Soldaten zu unterstützen. Sie sammeln auch Geld, da unsere Armee ausgeraubt wurde.
Im neuen Budget der Ukraine finden wir einige Posten für „alte Nicht-Regierungs-Organisationen“, die seit Jahren unterstützt werden. Die Regierung ändert zwar ihre Prioritäten, hat allerdings noch keine klare Linie zur Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen. Zudem haben wir haben große Löcher in der Budgetplanung und alle größeren Ausgaben wurden gestoppt.
Die Zivilgesellschaft ist heute sehr vorsichtig, gegenüber der Beziehung von Staat und einzelnen Organisationen und gegenüber dem Prozess der Entscheidungsfindung. Die Bevölkerung kontrolliert die Regierung in Angelegenheiten wie Korruption aber für das Budget zur Förderung von Nicht-Regierungs-Organisationen in der Ukraine gibt es kein all zu großes Interesse.

Welche Rolle spielen Förderungen aus dem Ausland?
Internationale Förderung ist eine wichtige Geldquelle für ukrainische Nicht-Regierungs-Organisationen. Die Ukraine ist beispielsweise einer der größten Empfänger aus dem UN Global Fund against HIV and AIDS. Die Hilfen für AIDS-Kranke wurden nun aber von der Regierung übernommen, da die internationale Förderung zurückgeht.

Ist damit das Interesse an strategischer Planung angewachsen? Bis 2013 hatten rund 51 Prozent der ukrainischen Organisationen nur eine einzige Geldquelle.
Für 2014 haben wir keine genauen Daten. Soziologische Untersuchungen zum Verhalten von Spendern lassen mich aber vermuten, dass die Spenden von der allgemeinen Öffentlichkeit zunehmen. Trotzdem bieten internationale Spender viel Unterstützung für Nicht-Regierungs-Organisationen und manche wollen sogar noch mehr Mittel bereitstellen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das zu einer Diversifizierung der Geldquellen führen wird. Einige Organisationen werden sich nämlich auf dieser Quelle ausruhen, wie Think Tanks oder Menschenrechts-Organisationen. Soziale Organisationen erhalten allerdings zunehmend Privatspenden aus der Bevölkerung.

Der unabhängige Fernsehkanal Television Business International hat vor kurzem 500.000 USD binnen einer Woche gesammelt, um seine Steuerschulden zu bezahlen. Welche Themen sind derzeit beliebt?
Das Tabletochki Projekt hat sein Jahren eine erfolgreiche öffentliche Kampagne für die onkologische Behandlung von Kindern. Viele öffentliche Kampagnen dienen derzeit auch der Armee. Eine große Gruppe an Freiwilligen, hat sich unter dem Namen „Wings of Phoenix“ als Stiftung angemeldet und sammelt Millionen-Beträge. Die Menschen organisieren auch spontane Spendenaktionen, für verwundete Soldaten oder FlüchtlingsfamilienDie bedeutsamste Kampagne wurde wohl durchgeführt, um die Verwandten derer zu unterstützen, die am Maidan getötet wurden. Wir nennen sie „Heaven’s Hundred“. Hundred steht dabei für eine ehemalige ukrainische Militäreinheit und Heaven bedeutet, dass sie uns vom Himmel aus unterstützen. Zwei Wochen nach der Tragödie, als vergangenen Februar über 100 Menschen am Maidan von Scharfschützen getötet wurden, wurde ein Fonds von 50 Millionen ukrainischen Griwna (Anm. d. Red.: ca. 2,74 Millionen Euro) von der Öffentlichkeit geschaffen, um die Familien der Opfer zu unterstützen.

Zuvor konzentrierten sich 43 Prozent der Organisationen auf Kinder Jugendliche, 28 Prozent auf Menschenrechte, 26 Prozent auf Bildung und 23 Prozent auf soziale Unterstützung.
Diese Zahlen beziehen sich nur auf die registrierten Organisationen. Soziale Unterstützung hat aber sicherlich zugenommen. Vor dem Maydan wurde am meisten Geld für kranke Kinder gesammelt. Nun sind aber die Opfer aus dem vergangenen Jahr viel sichtbarer.

Wie hat sich die Kommunikation von Organisationen gewandelt?
Vor dem Maydan gab es tatsächlich nicht all zu viel Kommunikation zwischen einzelnen Organisationen, doch jetzt erlebt die Solidarität im dritten Sektor ein Revival. Den Medien misstrauen viele, da sie oft im Besitz von Oligarchen sind. Dennoch haben wir bereits einige Crowdfunding Plattformen, die verhältnismäßig gut funktionieren. Ukrainische NGOs nutzen sogar einige amerikanische und europäische Plattformen, um Mittel zu beschaffen.

Welche Kanäle werden fürs Fundraising genutzt?
Soziale Medien haben sich als wirkungsvolles Vehikel fürs Fundraising erwiesen. Die Menschen nutzen auch soziale Ein Straßen-Fundraiser aus der UkraineNetzwerke, um von dort auf Crowdfunding Plattformen zu verweisen. Auch wenn die Informationen hier vertrauensvoll wirken, sind diese Kanäle nicht sehr effizient. Ein oft genutztes Instrument ist das Straßen-Fundraising. In diesem Bereich gibt es etliche Täuschungen. Am problematischsten ist, dass diese falschen Fundraiser von den Medien beachtet werden und das ruiniert das Image des gesamten Sektors. Wir sind am Institute of Professional Fundraising sehr besorgt wegen solcher Kampagnen. Derzeit sammeln wir noch Fallbeispiele und demnächst werden wir auch einen Kongress über Ethik im Fundraising abhalten, bei dem wir versuchen gegen diese negative Entwicklung anzukämpfen.

Seit 2013 können Organisationen auch Geld erwirtschaften, solange das in einem Zusammenhang mit ihrem Satzungszweck steht.
Einige Organisationen entwickeln auch wirklich interessante und wirkungsvolle soziale Unternehmen. In einer Keksfabrik werden beispielsweise obdachlose Frauen eingestellt und unterstützt. Die Kekse sind sehr lecker, das Unternehmen hat ein exzellentes Marketing und zudem bietet es eine direkte Unterstützung für die Frauen. Einige Organisationen bieten auch wirtschaftliche Dienstleistungen, wie Beratungen in ihren jeweiligen Themengebieten.

Was sind derzeit die drängendsten Anliegen in der Lobbyarbeit des Instituts?
Wegen der vorgetäuschten öffentlichen Sammlungen benötigen wir mehr Kontrolle. Wir orientieren uns an der europäischen Rechtsprechung, in der Straßensammlungen eine Erlaubnis von den lokalen Behörden benötigen. Das würde zwar den bürokratischen Aufwand anheben, es würde zumindest aber auch eine Art von Filter gegen Täuschungsversuche bilden. Es würde die örtlichen Behörden auch mit einigen Pflichten versehen, um gefälschte Sammlungen zu unterbinden.

Auch die Professionalisierung des Fundraising ist für viele europäische Verbände ein wichtiges Thema.
Unsere Zivilgesellschaft ist noch sehr jung es gibt viele neue Leute, die in den Sektor kommen. Die vielen kreativen, enthusiastischen und netten Leute, die in den Sektor strömen, sind aber häufig frustriert, wenn es an die tägliche Arbeit geht. Wir brauchen ein stabiles Bildungssystem, um ein Verständnis dafür zu schaffen, dass die Zivilgesellschaft Tag für Tag harte Arbeit bedeutet. Wir glauben allerdings nicht, dass in dieser Angelegenheit all zu viel von der Regierung kommt. Die Regierung hat erklärt, dass sie auf die Zivilgesellschaft hören will und genau das tun die Amtsträger nun auch. Wir haben beispielsweise keine Ausbildung auf Universitätsebene, obwohl es von Agenturen verschiedene Kurse für Fundraiser gibt. Unser Institut betreibt auch einen professionellen Fundraising-Kurs, der von der European Fundraising Association zertifiziert wurde. Trotzdem brauchen wir wirklich ein stabiles, dauerhaftes und zertifiziertzes Ausbildungswesen für die Zivilgesellschaft.

Denken Sie, dass es einen derart stablien Markt für zivilgesellschaftliche Organisationen in Ihrem Land gibt?
Das ist eine schwere Frage, da nicht ein mal die staatlichen Statistiken angemessene Daten zum Fundraising-Markt bieten. Wir wissen es ehrlich gesagt nicht. Wir haben also noch eine Menge Arbeit vor uns. Wir müssen es nämlich schaffen, das Feuer am Lodern zu halten, das im vergangenen Jahr aufgeflammt ist. Nur so kann das langfristige Engagement der Bürger für die Angelegenheiten ihres Landes durch die zivilgesellschaftlichen Organisationen entflammt werden.

Foto: Svitlana Kuts

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