Weihnachtskollekte für Lateinamerika: 25 Millionen in zwei Tagen

Adveniat-Chilereferentin Margit Wichelmann.
Adveniat-Chilereferentin Margit Wichelmann.

Darum geht’s: Lateinamerika, Kirche, Weihnachten, Spenden

Der Dezember ist der wichtigste Spendenmonat im Jahr. Für eine Organisation gilt das besonders: Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat der katholischen Kirche in Deutschland erhält die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember. Mehr als 25 Millionen Euro kommen so jedes Jahr zusammen. Das Fundraiser Magazin hat die Chile-Referentin des Hilfswerks, Margit Wichelmann, gefragt, welchen Projekten das Geld zugutekommt.

Frau Wichelmann, wie wichtig ist die Weihnachtskollekte für Adveniat?

Die Weihnachtskollekte hat für uns nach wie vor eine herausragende Bedeutung: 2015 lag sie bei 25,6 Millionen Euro. Das ist gut die Hälfte dessen, was jedes Jahr an Adveniat gespendet wird. Die Arbeit unseres Hilfswerks finanzieren wir zu 95 Prozent aus Spenden.

Auf welche Weise bittet Adveniat darüber hinaus noch um Spenden?

Es gibt über das Jahr verteilt mehrere "klassische" Mailings, in denen wir um Unterstützung für Projekte bitten. Aber wir betreuen auch Mittel- und Großspender. Natürlich sprechen wir in erster Linie Menschen an, die sich der Kirche verbunden fühlen. Aber darüber hinaus versuchen wir auch in der Öffentlichkeit als Lateinamerika-Hilfswerk in Erscheinung zu treten – mit unserem regionalen Schwerpunkt und den entsprechenden Netzwerken und der Expertise.

Welche Projekte unterstützt das Hilfswerk mit dem Geld?

Die Projektträger sind meist lokale Kirchengemeinden. Adveniat unterstützt Priester oder Ordensleute, aber auch engagierte Laien, die sich für ein konkretes Thema einsetzen. Denn wir glauben, dass die Menschen vor Ort am besten wissen, was benötigt wird. Deshalb schicken wir auch keine Entwicklungshelfer, sondern fordern unsere Partner im Land dazu auf, ihre eigenen Projekte einzureichen. Vergangenes Jahr konnten wir so rund 2.500 Projekte fördern. In Mexiko-Stadt unterstützen wir etwa das Projekt Yolia, das es jungen Mädchen, die auf der Straße gelebt haben, ermöglicht, eine Schule zu besuchen. In Kolumbien engagieren sich viele Priester in der Friedensarbeit, sie haben Lager der FARC-Guerilla besucht und bei Gesprächen mit der Regierung vermittelt.

Papst Franziskus ist als Argentinier der erste Südamerikaner in diesem Amt. Im Januar besucht das Kirchenoberhaupt Chile und Peru. Wie kommt der Papst bei den Menschen dort an?

Seine Botschaft von einer Kirche für die Armen kommt bei den Menschen gut an und wird auch breit wahrgenommen. Natürlich werden die Aussagen in unterschiedlicher Form gedeutet, je nach gesellschaftlicher und sozialer Stellung. Große Teile der Bevölkerung sehen den Papstbesuch aber auch kritisch – vor allem die immensen Kosten. Sie fragen: Warum wird mit dem Geld der Papstbesuch finanziert, anstatt damit die Armut zu bekämpfen? Weil die chilenischen Bischöfe den Papst eingeladen haben, muss die Kirche – im Gegensatz zu anderen Reisen – den Besuch selbst bezahlen. Die Kirche hat jedoch sehr professionell Kampagnen aufgezogen, um bei den Gläubigen finanzielle Unterstützung einzuwerben. Für viele Menschen ist der Besuch auch ein Hoffnungszeichen.

Was soll der Papstbesuch denn bewirken – gibt es eine Agenda?

Die drei Stationen Santiago, Temuco und Iquique stehen für die drei Schwerpunkte der Reise. Einerseits das offizielle Treffen mit Vertretern von Politik, Kirche und Gesellschaft. Andererseits – was dem Papst ja besonders am Herzen liegt – die Unterstützung von zwei Gruppen, die gesellschaftlich und politisch ausgegrenzt werden: die indigenen Völker, insbesondere die Mapuche, sowie die Migranten. Auf der Suche nach Arbeit kommen viele Menschen in die nordchilenische Stadt Iquique – aus den Nachbarländern Bolivien und Peru, aber auch aus Venezuela und Kolumbien. Seit einigen Jahren wandern auch verstärkt Menschen aus Haiti nach Chile ein.

Sie sind bei Adveniat auch für Haiti zuständig. Chile ist von der Karibikinsel aus nicht gerade das nächstgelegene Ziel.

Die Einwanderung geht unter anderem zurück auf die Präsenz chilenischer UN-Blauhelmtruppen in Haiti ab 2004. Die haben von ihrem Land erzählt, erste Kontakte sind entstanden. Verstärkt hat sich diese Tendenz dann nach dem verheerenden Erdbeben 2010 und vor allem aufgrund der immer restriktiveren Einreisebestimmungen der klassischen Einwanderungsländern wie den USA oder seit einigen Jahren auch Brasiliens.

Und Chile hat die Menschen mit offenen Armen empfangen?

Die Chilenen sind grundsätzlich sehr gastfreundlich. Außerdem sind die Landwirtschaft, der Bergbau sowie die Industrie froh über Arbeitskräfte, die sie im eigenen Land schlicht nicht finden. Wer einen Arbeitsvertrag hat, bekommt relativ einfach ein Visum. Chile hat die Einwanderer zunächst in beeindruckender Weise integriert. Inzwischen gibt es jedoch eine regelrechte Mafia, die immer mehr Haitianer ins Land lockt. Das grenzt schon an Menschenhandel. Vermehrt werden auch Stimmen laut, die den Haitianern vorwerfen, dass sie Krankheiten einschleppen, Chilenen die Arbeitsplätze wegnehmen, sich nicht integrieren.

Wie steht die Kirche zum Thema Einwanderung?

In allen von mir besuchten Bistümern wurde Migration als erste und wichtigste Herausforderung genannt. Das Hauptanliegen von den Gemeinden vor Ort bis zu den Bischöfen ist es, die ankommenden Menschen zu begleiten und sie vor Ausbeutung zu schützen. Sie bieten Sprachkurse und Rechtsberatung, aber auch Kochkurse und Arbeitsvermittlung für Haitianer an. In Iquique gibt es zum Beispiel ein Wohnheim für Migranten, das von Adveniat unterstützt wird. Hier finden die Menschen, die ansonsten auf der Straße landen würden, Obdach und Essen. Sie werden bei der Suche nach Arbeit unterstützt und die Mitarbeiter entwickeln gemeinsam mit ihnen Perspektiven für die Zukunft.

Was versprechen sich die Menschen dort von dem Papstbesuch?

Die große Hoffnung ist, dass der Schutz der Migranten aber auch der indigenen Völker der gesamten chilenischen Gesellschaft ins Bewusstsein gerufen wird. Die Menschen, die sich in Iquique für Einwanderer engagieren, spüren bereits jetzt die Rückendeckung für ihre Arbeit durch den Besuch.

Interview: Peter Neitzsch / Stephan Neumann (PR)
Fotos: Martin Steffen und Jürgen Escher, Adveniat

 

Schule für Kinder der Mapuche in Temuco, Chile.
Adveniat fördert auch diese Schule für Kinder der Mapuche in Temuco. Die indigenen Einwohner stehen am Rand der chilenischen Gesellschaft.

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