Friendraising verbindet Tafelarbeit und Fundraising

Jochen Brühl

Jochen Brühl engagiert sich seit Jahren für den Bundesverband Deutsche Tafel e. V. Als stellvertretender Vorsitzender verantwortet er den Bereich Fundraising. Im Gespräch mit unserem Autor Paul Stadelhofer erklärt er, wie sich das Fundraising der Organisation in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Er erläutert, warum er sich über Kritik an der Arbeit der Organisation freut, warum er hofft, dass die Tafeln sich bald überflüssig gemacht haben und wie er sich die Zukunft im Fundraising vorstellt.

Sie haben an der Karlshöhe in Ludwigsburg studiert und waren auch bei der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg aktiv. Zu dieser Zeit haben Sie die Tafel in Ludwigsburg mitgegründet. Wie kam es dazu?
Ich habe auf der Karlshöhe mit nicht Sesshaften und Wohnungslosen gearbeitet. Das hat mich für die Sorgen, Nöte und das Leben von sozial benachteiligten Menschen sensibilisiert und mir gezeigt, was es bedeutet, nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Ein Thema, das dem der Tafel sehr ähnlich ist. So habe ich 1999 mit einigen weiteren Leuten die Tafel in Ludwigsburg aufgebaut. Das bedeutet: wir haben die Finanzierung auf die Beine gestellt, Personal gesucht, ein Fahrzeug und einen Laden gesucht. Im Grunde habe ich also intuitiv all das getan, was ein Fundraiser macht, obwohl ich zur damaligen Zeit noch gar kein ausgebildeter Fundraiser war.

Wie hat sich das Fundraising seit damals bei den Tafeln verändert?
Die Tafel-Bewegung in Deutschland ist kontinuierlich gewachsen. Alle zur Zeit über 906 Tafeln haben ihre lokalen und regionalen Unterstützer und zwar in den drei zentralen Fundraising-Bereichen: Sach-, Geld- und Zeitspenden. Zusätzlich gibt es seit 1995 den Bundesverband, der zentraler Ansprechpartner für überregionale Großspender ist. Gewandelt hat sich das Fundraising, weil wir heute natürlich andere Module nutzen und uns in Bereichen wie beispielsweise bei den Zeitspenden professionalisieren mussten. Schließlich besetzen wir immer noch 95 Prozent unserer Funktionen mit ehrenamtlichen Mitarbeitern. Sie werden punktuell von Hauptamtlichen unterstützt.
Wir haben verstanden, dass das Fundraising einen sehr nachhaltigen Charakter haben muss. Wir sind in der Tafel-Bewegung und beim Bundesverband über die Jahre den Weg vom Spenden sammeln zum Fundraising gegangen. Heute säen und ernten wir eher als zu jagen und zu sammeln. Die Tafeln sind leider schon seit 20 Jahren eine Initiative zur Unterstützung sozial Schwacher. In dieser Zeit haben wir gemerkt, dass es nicht um kurzfristige Erfolge, sondern um den langen Atem geht.

Mittlerweile gibt es in Deutschland etwa 50 000 Menschen, die regelmäßig ehrenamtlich die Tafeln unterstützen. Lässt sich das Fundraising dann überhaupt noch dezentralisiert verfolgen?
Wir sind eine von unten gewachsene und sehr demokratische Bewegung. Bei uns ergänzen sich dezentrales und lokales Fundraising. Die meiste Arbeit der Tafeln wird vor Ort gemacht und jede Tafel ist unterschiedlich. Es gibt zwar Tafel-Grundsätze für alle, aber am Ende entscheidet jede Tafel selbst, welche Schwerpunkte sie setzt. Mit dieser demokratischen Struktur bekommen wir Rückmeldungen aus unseren Landesverbänden und können als deren Sprachrohr tätig werden. Auf diese Weise können wir mit einer Stimme beispielsweise zu den Lebensmittelhändlern sprechen, die uns bundesweit mit Lebensmittelspenden unterstützen. So ist eine flächendeckende Zusammenarbeit für beide Seiten überhaupt nur machbar. Auch für Großspender- und sponsoren, die den Wunsch haben, nicht nur die Tafel in ihrer Stadt, sondern alle deutschen Tafeln zu unterstützen, sind wir der richtige Ansprechpartner.

Das Geld aus zentralen Sammlungen geben Sie also auch auf Antrag einzelner Tafeln beziehungsweise Tafel-Verbände weiter?
Richtig, ich nehme mal das Pfandspenden-Projekt als Beispiel, welches wir mit Lidl entwickelt haben. Dabei kann der Kunde seinen Flaschenpfand an den Pfandautomaten per Knopfdruck spenden. Nun sind die Lidl-Filialen natürlich in Ballungsräumen viel üppiger gesät als auf dem Land und so ist es am gerechtesten, wenn das gespendete Geld zentral verwaltet und verteilt wird. Dafür wurden Fonds eingerichtet, und alle Tafeln können sich für einzelne Projekte und Anschaffungen wie Kühlfahrzeuge bewerben. Auf diesem Weg können wir eben auch Tafeln bedenken, die nicht so viele Lidl-Filialen in ihrem Einzugsgebiet haben.

Wie sehen Sie denn nun die Zukunft der Tafeln?
Die Zukunft des Fundraisings und die Zukunft der Tafeln sind ähnlich. Modernes Fundraising und moderne Tafelarbeit haben einen wichtigen gemeinsamen Punkt: Friendraising – also das Gewinnen von Freunden. Es geht um persönlichen Kontakt und das Investment von Zeit. Es geht darum zu erfahren, was ein Spender mit seinen Sach- oder Zeitspenden erreichen möchte. Dem muss man gerecht werden, indem man individuell auf die Bedürfnisse eingeht. Das ist aufwendig, aber am Ende effektiv und für die Spenderbindung und für lang anhaltende Beziehungen der richtige Weg. Alles andere ist schwierig. Ein großer Vorteil dafür ist, dass jeder im Umkreis von zehn Kilometern eine Tafel findet. Das heißt man kann sich Tafeln anschauen, sie begreifen, schmecken und riechen.

Zeigt das Vorteile in der Praxis?
Es hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck bei unseren Spenderinnen und Spendern, und es bietet die Möglichkeit, ohne Aufwand und weite Wege zu sehen, an welcher Stelle die Spenden eingesetzt wurden und helfen. Der persönliche Kontakt ist elementar. Ich brauche als Spender auch Leute, die dahinter stehen, die ich sehen und mit denen ich reden kann. Das ist die Zukunft für die Tafeln und auch die Zukunft fürs Fundraising.

Denken Sie denn auch, dass sich die Tafeln selbst überflüssig machen können?
Mein Interesse ist es natürlich, dass es die Tafeln auf lange Sicht in Deutschland nicht mehr geben muss. Meiner Einschätzung nach werden die Tafeln leider auch ihr 25-jähriges und 30-jähriges Bestehen erleben, denn damit sie überflüssig werden, müssen die Ursachen von Armut bekämpft werden. Das können die Tafeln weder leisten noch ist es unsere Aufgabe. Wir können Armut nur versuchen zu lindern, solange sich die Situation der Betroffenen nicht verbessert. Ich glaube, dass das Thema Armut noch nie so im Fokus war, wie in den letzten Monaten und Jahren. Das ist auch den über 900 Tafeln zu verdanken, die das Thema aus der Dunkelheit ziehen. Jede Tafel macht Armut sichtbar und provoziert, dass sich die Politik dem Thema annehmen muss.
Der andere Punkt, weshalb es Tafeln gibt, ist übrigens das Ausmaß der Lebensmittelverschwendung. Wir hätten nichts zu verteilen, wenn nicht so viel übrig bleiben würde. Auch hier setzt erst langsam ein Umdenken bei Händlern und Verbrauchern ein.

In unserem letzten Gespräch (Fundraiser 3/2011) ging es darum, ob die Tafeln einen Rückzug des Staates aus sozialen Belangen unterstützen. Was halten Sie heutzutage davon?
Die angebotene Unterstützung durch die Tafeln wird derzeit von etwa 1,5 Millionen Menschen in Anspruch genommen. Rund 12 Millionen Menschen in Deutschland sind von Armut betroffen. Diese Zahlen zeigen: Die Tafeln können längst nicht alle Bedürftigen unterstützen und entbinden den Staat nicht von seinen Aufgaben, im Gegenteil. Wir fordern die Politik seit vielen Jahren auf, die Ursachen von Armut zu bekämpfen: Arbeitsplätze zu schaffen, ein gerechtes Lohnniveau zu schaffen, Kinderbetreuung auszubauen, gerechtere Bildungschancen zu ermöglichen und endlich eine sozial gerechte Steuer- und Rentenpolitik zu etablieren.
Die Grundidee der Tafel ist aber: Nicht nur lamentieren und kritisieren, sondern ganz pragmatisch tätig werden. Solange Reformen weder angestoßen noch umgesetzt werden, lindern wir die Armut, die es gibt – in dem Maß, in dem wir es können. Denn die Not ist jetzt da und Veränderungen wird es nur langfristig geben. Es besteht kein Gegensatz darin, bestehende Not sofort und nach Kräften pragmatisch zu lindern und sich trotzdem mit der Beseitigung der Ursachen zu beschäftigen und diese durch unsere Arbeit anzumahnen. Das Interesse der Tafeln ist also einerseits, Menschen kurzfristig und zielgerichtet zu helfen und Armut zu lindern und andererseits grundsätzlich darauf hinzuwirken, dass die Verantwortung der Politik gesehen und wahrgenommen wird. Trotz der geringen hauptamtlichen Kräfte, die wir haben, gelingt uns das ganz gut. Sonst wären wir nicht so im Fokus des Interesses.

Was bedeutet das in Bezug auf das Thema Fundraising?
In Bezug auf Fundraising kann man sagen: Es ist gut, wenn man ein Thema hat, das die Leute anspricht, provoziert und zum Nachdenken bringt und mit seiner Idee überzeugen kann. Wenn man ein Projekt hat, das man den Leuten erst einmal so lange erklären muss, bis man selber glaubt es sei richtig, dann ist es auch schwierig den Menschen nahe zu bringen, dass sie Geld, Zeit oder Sachmittel spenden sollen. 

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