Netzwerken und neue Ideen – der KulturInvest-Kongress 2018

KulturInvest Kongress 2018 in Berlin
Beim 10. KulturInvest!-Kongress standen im Berliner Radialsystem neue Impulse und Netzwerken auf dem Programm.

Darum geht’s: Fundraising, KulturInvest Kongress, Kulturmanagement, Kultursponsoring, Kulturhauptstadt

Beim 10. KulturInvest!-Kongress Mitte November im Berliner Radialsystem stand vor allem das Thema Bürgerbeteiligung im Fokus. Die angehende Kulturmanagerin Pauline Drichel war vor Ort und stellte fest, dass zum Beispiel etwas mehr Diskussionskultur und andere Veranstaltungsformate dem Kongress durchaus guttäten. Doch es gab auch viele neue Ideen und Impulse.

Die zehn verschiedenen Themenpanels mit rund 80 Vorträgen von Referentinnen und Referenten aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Medien boten eine umwerfende Vielfalt an Einblicken in diverse Bereiche: Zu den „klassischen“ Panels (Kultursponsoring, Kulturtourismus, Kulturmarke, Kulturimmobilien, Kulturelle Bildung und Digitalisierung) gesellten sich neue Themenfelder, die die aktuelle Kulturarbeit beschäftigen: Stadtkultur, Kulturhauptstadt sowie Transformation und Industriekultur. Von der Vorstellung praktischer Anwendungen und Projekte über kritisch reflektierende Vorträge bis hin sogar zu einer Yoga-Session bot der Kongress vieles, worauf man neugierig sein konnte.

Bürgernähe und Zivilgesellschaft im Fokus

Ich stellte zu meiner Überraschung fest, dass, so unterschiedlich die Beiträge auch waren, mir ein spezielles Thema sehr häufig über den Weg lief. Namen kann man dem versteckten Themenliebling viele geben: Bürgerbeteiligung, Bürgernähe, Empowerment der Zivilgesellschaft kann es im Großen, Partizipation, Besucherorientierung, Authentizität von Kulturveranstaltungen im Kleinen heißen. Die Sorge um ein auseinanderdriftendes Europa und politische Radikalisierung spielten hierbei oft eine gewisse Rolle. Die Herausforderung für die Kulturarbeit scheint jetzt mehr als früher darin zu bestehen, die Schaffung gemeinsamer gesellschaftlicher Werte zu fördern. Hierfür suchen, wie der Kongress deutlich zeigte, vor allem das Stadtmarketing, aber auch Kulturanbieter und Vertreter aus der (Kultur- und Kreativ-)Wirtschaft die Nähe zu Bürgerinnen und Bürgern. Bürgerschaftliches Engagement und seine Bedeutung für Kulturinstitutionen könnte deshalb für zukünftige Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Kongressthema interessant sein.

Jede Menge neue Ideen und Impulse

Einige Vorträge waren vor allem interessant, weil die Projekte noch nicht allzu bekannt sind, beispielsweise die von der Schweizer Migros-Gruppe geförderten Initiativen im Bereich der Kulturellen Bildung. Außerdem gab es hörenswerte Beiträge, z.B. zur Kulturbrauerei in Berlin oder über Immersion im Theater, bei denen die Redner vom strengen Vortragsformat abwichen und aus ihrer persönlichen Perspektive erzählten.

Der eine oder andere Appell war auch darunter: Dr. Ulrich Fuchs zum Beispiel begleitet seit Jahren Kulturhauptstadtbewerbungen und rief jetzt unter anderem Chemnitz auf, im Zuge seiner Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 auf werteorientierte Initiativen zu achten, damit diese für einen nachhaltigen gesellschaftlichen Zusammenhalt mit europäischer Dimension sorgen können.

Frank Tentler von tentler.plus appellierte an die Kommunen, die Digitalisierung nicht an sich vorbeiziehen zu lassen, sondern die Möglichkeiten der Vernetzung für sich und die (Stadt-)Kultur nutzen zu lernen. Digitalisierung sei eine Kulturaufgabe! Hedy Graber, Kulturmanagerin des Jahres 2015, wiederum gab Einblicke in das Fördermodell des Migros-Genossenschafts-Bundes. Sie stellte junge Projekte im Bereich Cultural-, Social- bzw. Environmental-Entrepreneurship vor, die mittels Scouting entdeckt wurden und denen nun eine Art Start-up-Förderung zu Gute kommt. Ein durchaus zeitgemäßer und neuer Ansatz der Unterstützung durch Unternehmen, da er entgegen vieler anderer Sponsoring-Praktiken nicht auf die langfristige Förderung ausgewählter Kulturinstitutionen setzt, sondern Projektideen mitten aus der Zivilgesellschaft eine Chance auf Verwirklichung gibt.

Kulturfinanzierung? Kaum ein Thema!

Während Kulturfinanzierung in den letzten Jahren immer als eigenständiges Panel oder sogar Motto auf dem Kongress vertreten war, suchte man das Thema dieses Mal vergebens. In Vorträgen tauchte die Finanzierung von Projekten nur als Randnotiz oder aufgrund einer Nachfrage aus dem Plenum auf. Spenden für Kultur? Auf dem größten europäischen Branchentreff für Kulturanbieter und Kulturinvestoren 2018 kein Thema.

Zumindest befasste sich Hans-Conrad Walter, Gründer von Causales und Initiator des KulturInvest!-Kongresses, mit aktuellen Tendenzen im Kultursponsoring. Er verkündete, dass der Sponsoringmarkt auf Wachstumskurs sei, wünschte sich für die Zukunft aber von Wirtschaft und Kultur mehr „Tiefgang“ in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Praktische Reserven liegen, wie die aktuelle Causales-Studie zeigt, für Kulturanbieter zumindest in der Inanspruchnahme von Sachmitteln, von Arbeits- oder Dienstleistungen und im möglichen Know-how-Transfer, z. B. im betriebswirtschaftlichen Bereich. Vielleicht könnte der Kongress hier im kommenden Jahr bestehende Beispiele als Motivatoren beleuchten.

Mehr Diskussionskultur gewünscht

Bei aller Verschiedenheit der Vorträge und der Vortragenden hatten alle Beiträge etwas gemein: Es wurden danach nur wenige Fragen gestellt – was mich verwunderte. In kleineren Runden und unter vier Augen tauschte man sich sehr wohl aus, redete angeregt und diskutierte. Get-together und Networking schienen, so mein Eindruck, für einen Großteil der Teilnehmenden Vorrang zu haben – darunter litt die Diskussionskultur in den Vorträgen. Aber gerade darum muss es doch gehen: ein Forum zu sein für gegenseitigen Austausch. Nicht nur unter vier Augen, sondern für alle – damit alle etwas „davon haben“. Durch mehr im Plenum geäußerte Meinungen hätten vielseitige, wertige Diskussionen entstehen können. Die Chance darauf wurde, so schien es mir manchmal, auch aus Bequemlichkeit vertan.

Es bleibt der Eindruck zurück, dass im zehnten Jahr des Bestehens des KulturInvest!-Kongresses alles sehr gut eingespielt, aber auch altbekannt ist. Vielleicht könnten andere Beitragsformate wie Workshops anstatt Vorträge, mehr Diskussionsrunden, außerdem weniger Best Practice und mehr Raum für die Erörterung von Gescheitertem und Problemen interessante neue Akzente setzen. Verlässliche (Networking-)Anlaufstelle wird der Kongress als Hort innovativen Kulturmanagements für die Branche nach all den Jahren und dank der angenehmen, lockeren Atmosphäre ohnehin bleiben – er kann also nur gewinnen.

Amelie Deuflhard ist Kulturmanagerin des Jahres

Die Kulturmarken-Awards wurden in neun verschiedenen Kategorien vergeben. Mit der Night of Cultural Brands feierte die Kultur sich und ihre Erfolge – mit einem leichten Hang zum Kitsch, was ihr aber allemal gegönnt sei. Auszeichnungen bekamen unter anderem Amelie Deuflhard von Kampnagel als Europäische Kulturmanagerin des Jahres 2018, da sie das Theater als interdisziplinäres Laboratorium, und das nicht nur für das Bildungsbürgertum, verstehe, so die Jury. Des Weiteren wurde das Bielefelder Stadtmarketing geehrt, das seine Einwohnerinnen und Einwohner in die Entwicklung einer neuen Stadtmarke einbezog, sowie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als Europäische Kulturmarke des Jahres 2018, da ihr Ziel eine Kultur des Zusammenwirkens sei. Diese Preisträger standen somit schließlich stellvertretend für das Bekenntnis zu mehr Bürgerbeteiligung in der Kultur, wie es mir so oft in diesen beiden Tagen auf dem KulturInvest!-Kongress über den Weg gelaufen ist.

Text und Fotos: Pauline Drichel

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