Rocker mit Herz: Motorradclub hilft kranken Kindern

Darum geht‘s: Fundraising, Kinder, Motorrad-Club, Auszeichnung Bambi

Böser Rocker, guter Rocker. Das Image vom Raubein kommt nicht von ungefähr. Manche Rocker gefallen sich eben in der Rolle des Bösewichts. Leines Gaworski war auch mal so einer. Das ist aber lange her. Heute betreiben er und sein Motorrad-Club, die Street Angels in Aachen, auf 9000 Quadratmetern eine Oase für behinderte und kranke Kinder.

Von Rico Stehfest

„Unbürokratisch, unorthodox, zupackend.“ Auch wenn Leines Gaworski anlässlich des Fundraisingtages NRW im April 2016 mit seinem Hauptschulabschluss kokettiert hat: Er beherrscht die Rhetorik, um die Projektarbeit seines Vereins vorzustellen. „Ich find’ Reden halten scheiße. Aber wenn man hinter etwas steht, dann muss man sich auch mal davor stellen“, so seine klare Ansage. Die Zuhörer hatte er nicht nur damit augenblicklich auf seiner Seite.

Auf dem Tisch prangte ein mit hellem Samt ausgeschlagenes Köfferchen, dessen schreinartige Türchen einen „Goldenen Bambi“ offenlegten. Den hatte der Verein 2011 in der Kategorie „Stille Helden“ verliehen bekommen. Eine Kategorie, die angesichts des Auftritts in Gelsenkirchen fast schon ironisch klingt. Da steht ein Mann, den der feine Zwirn seriös auftreten lässt. Das Sakko sitzt. Aber nicht lange, denn es ist nur eine Geste. Leines Gaworski ersetzte es schon nach kurzer Zeit durch seine abgewetzte Kutte. Genau so sieht ein authentischer Auftritt aus. Und als „unfreiwilliger“ Redner weiß er das auch. Egal, ob er, den eigenen Angaben gemäß, allein an dem Wort „gesamtkonzeptionell“ zwei Wochen lang geübt hat. Da stand ganz eindeutig ein Redner mit Charme auf dem Podest, der weniger Wert auf Umgangsformen legt. Wichtiger ist ihm der Umstand, dass jemand das Herz am rechten Fleck trägt.

Barrierefreies Paradies

Mit dem Projekt Hazienda Arche Noah haben die Vereinsmitglieder bewiesen, dass sie genau das tun. Als Leines’ Frau 1999 im Alter von 28 Jahren an Krebs starb, entstand die Idee, kranken und behinderten Kindern und vor allem ihren betreuenden Eltern eine Auszeit ermöglichen zu können. Das Vereinsgelände wurde gekauft und zu einer behindertengerechten Spiel- und Ruhe-Oase ausgebaut. Die Wasserburg, das Piraten-Schiff und das Indianerdorf: alles rollstuhlgerecht. Sogar im Baumhaus ist Platz für Rollstuhlfahrer.

Dabei ist die Art der Erkrankung nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Neben krebskranken Kindern buddeln beispielsweise auch Kinder mit ADHS oder Downsyndrom im Sandkasten oder drehen als Sozius eine Runde auf dem Motorrad. Genauso im Blick stehen die betreuenden Eltern, die in ihrem Rund-um-die-Uhr-Job selten eine Auszeit finden. Auch sie sollen auf der Hazienda einfach mal die Seele baumeln lassen können.

Mit den richtigen Partnern zum Erfolg

Und weil mit einem kranken oder behinderten Kind in der Regel kaum an Urlaub zu denken ist, hat der Verein ein Wohnmobil zum so genannten Traummobil behindertengerecht umbauen lassen, Rampe für einen Rollstuhl inklusive. Dieses Gefährt kann für Urlaubstrips gemietet werden. Und sollte die Notwendigkeit der Begleitung durch medizinisches Fachpersonal bestehen, steht noch ein Wohnanhänger zur Verfügung.

Idealismus allein versetzt ja aber eben noch keine Berge. Deshalb setzt der Verein auf einen transparenten Auftritt und die richtigen Partner. „Wenn es um kranke Kinder geht, dann kann man eben nicht mit Beate Uhse als Sponsor ankommen“, so die Erkenntnis des Bikers. Und dass Ernsthaftigkeit auf diesem Gebiet tatsächlich Not tut, zeigt eine Anekdote, die dem Verein so ziemlich die Petersilie verhagelt hat und nach Schadensbegrenzung ruft. Anonyme Quellen hatten so lange von illegalem Waffenbesitz, Unterschlagung und Zweckentfremdung gesprochen, dass eines Tages tatsächlich Sprengstoffexperten vor der Tür standen. Das vermeintliche Sprengstofflager wurde nicht gefunden. Auch sonst kamen keine Unregelmäßigkeiten zutage. Die staatsanwaltlichen Ermittlungen werden zwar eingestellt, aber so ein Imageschaden kommt einer Katastrophe gleich. Dagegen hilft nur tägliche Überzeugungsarbeit.

Hazienda in Spanien geplant

Einknicken ist aber für einen echten Biker keine Option. Die Pläne gehen weiter. Seit einigen Jahren plant der Verein nämlich den Bau einer zweiten Hazienda, einem „Centro de los Angeles“ in Spanien. Wenn alles glatt läuft, wird das Areal noch größer als das in Aachen. Und dass die Umsetzung dieser Vision durchaus realistisch ist, zeigen ja die bisherigen Erfolge und das Motto „Wir mulle net, wir helpe mit!“. Nicht quatschen, sondern anpacken. Das ist im Übrigen auch eine Seite des typischen Rockers.

Das Projekt Hazienda Arche Noah stellt sich vor.

Foto: FRM/Paul Stadelhofer

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