Mit heißer Nadel: Seniorinnen häkeln für den eigenen Spaß

Die Häkelmützen gibt es in vielen Variationen
Die Häkelmützen gibt es in vielen Variationen

Darum geht‘s: Fundraising, DIY, Senioren, soziale Projekte

Der Klassiker sind wohl die Kekse, die eifrige Pfadfinder seit Menschengedenken an amerikanischen Türen für einen guten Zweck verkaufen. Inzwischen gibt es unzählige Variationen dieser Idee, seien es Socken oder Mützen. Das Kasseler Projekt „Alte Liebe“ hat daraus ein Social Business gemacht, das auch noch den Dialog zwischen „Jung“ und „Alt“ fördert.

 

Waren Mützen früher vorrangig zweckgebundene, weil wärmende Kopfbedeckungen, ist das meist wollene Accessoire seit einigen Jahren Teil des Ausdrucks der eigenen Persönlichkeit. Die Zeiten, in denen nur hippe Metropolen-Hopperinnen in angesagten Cafés retrospektive Modelle zur Schau trugen, sind längst vorbei. Mütze muss mittlerweile einfach sein, zu jeder Jahreszeit, bei jeder Gelegenheit, für jeden. Genau deshalb ist es von Bedeutung, dass das kleidsame Stück mit möglichst individueller Note daherkommt. Einfach nur Mütze kann schließlich jeder. Wenn das Modell an sich auch grundlegend sein mag, liegt der Hase natürlich bei Farbgebung und Muster im Pfeffer.

Nur knapp am Plenty Award vorbei

Diese Bedürfnisse bedient der Online-Shop eines illustren Kreises häkelbegeisterter Seniorinnen in Kassel. Die treffen sich schon seit geraumer Zeit regelmäßig zum Häkeltreff in der Seniorenwohnanlage „Fasanenhof“. Vor ein paar Jahren hatten dann zwei Studentinnen für Produktdesign die Idee zu dem sozialen Projekt. Heute läuft es unter der Ägide von Bernhard Weiß und Michael Habedank, den Inhabern der Werbeagentur zentral kommunikation. Medialer Auftritt, Vertriebswege und Finanzen, aber natürlich auch die Damen selbst wollen umsorgt sein. Dafür ist die Agentur da.

Und der Erfolg ist eindeutig. Letztes Jahr hat das Projekt „Alte Liebe“ nur knapp die Auszeichnung des plenty-Awards verpasst, mit dem der beste Online-Shop ausgezeichnet wird, und landete auf Platz 2. Und allein schon die Vielfalt der angebotenen Modelle, Farbkombinationen und Muster reflektiert die Nachfrage. In Kassel gibt es auch drei Händler, bei denen man die Mützen direkt vor Ort anprobieren und erstehen kann. Und so ein handgefertigtes Schmuckstück hat natürlich auch seinen Preis. Gute vierzig Euro werden dafür fällig; Kindermützen kosten die Hälfte.

Einen Teil der Einnahmen stecken sich die Häkelnden (es sind tatsächlich ausschließlich Damen, sieben an der Zahl) in die eigene Schürzentasche. Gemeinsam wird dann regelmäßig entschieden, wofür das Geld ausgegeben werden soll: Konzertbesuch, Kaffeefahrt oder Grillfest. Ganz getreu dem Motto: Wer rastet, der rostet.

Grußkarten und Sondereditionen

Aber das Projekt hört beim Häkeln nicht auf. Zusätzlich gibt es zu jeder Bestellung noch ein Bonbon obendrauf. Jede Schöpferin legt ihrer Lieferung eine handschriftlich verfasste Grußkarte bei. Der Zweck des Ganzen? Die Kunden werden aufgefordert, die Karte zurückzusenden und so mit den Damen in Kontakt zu treten. Stichwort: Dialog der Generationen. Der ist auch in den zwei Mützen-Sondereditionen sichtbar. Die eine ist zusätzlich mit dem Logo des Handballvereins Melsungen versehen. Fanmütze, keine Frage.

Merchandising ist das aber nicht. „Bei den Sondereditionen handelt es sich um Kooperationen beziehungsweise Partnerschaften“, erklärt Christina Stange, Mitarbeiterin der Agentur zentral kommunikation. „Der MT Melsungen wird damit nicht finanziell unterstützt. Es geht vielmehr um den Austausch der Generationen. Es waren zum Beispiel einige Spieler schon mehrmals bei unserem Häkeltreff. Zudem besuchen wir regelmäßig mit den Damen Spiele der MT“, so Stange weiter. „Auch die Jungs von Milky Chance waren schon bei uns im Häkeltreff.“ Das Kasseler Elektro-Pop-Duo steckt hinter der zweiten Sonderedition. Deren Mützen ziert zusätzlich der Schriftzug „take me to loveland“. Und denkbar ist in dieser Richtung vieles, wie Stange andeutet: „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Partnern. Es kann also durchaus sein, dass es in Zukunft weitere Sondereditionen gibt.“

Bleibt nur zu hoffen, dass der Erfolg des Projektes dahingehend überschaubar bleibt, dass die Fanpost der Dialogsuchenden nicht täglich wäschekörbeweise geliefert wird. Deren Beantwortung könnte die Damen vom Häkeln abhalten. Und gerade zu dieser Jahreszeit wäre das für jeden Mützenlosen wirklich unschön.  

Noch mehr Häkelmützen.

Text: Rico Stehfest
Foto: PR

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