„Wir wollen, dass über Aids gesprochen wird“

Michael Stich

Vom Tennisstar zum Philanthropen: Nach seiner Karriere als Spitzensportler steckte Michael Stich viel Zeit und Energie in seine Stiftung. Die Spenden für HIV-infizierte und an Aids erkrankte Kinder sammelt der Stifter unter anderem beim Drachenboot Cup in Hamburg. Vor dem Rennen im Juni sprach Peter Neitzsch mit dem Mäzen darüber, warum Fundraising Leidenschaft braucht.

Trainieren Sie schon für das nächste Drachenboot-Rennen, Herr Stich?
Unser Team ist ja nur schwer zusammenzukriegen, da es aus prominenten Gästen wie befreundeten Sportlern besteht. Deswegen können wir nicht richtig trainieren und sind auch nie ganz vorne dabei. Aber das ist okay: Der Spaß steht schließlich im Vordergrund, auch wenn der Ehrgeiz bei allen Teilnehmern von Jahr zu Jahr größer wird.


Als Sportler lassen Sie es sich nicht nehmen, selbst mitzupaddeln?

Jedes Team paddelt drei Mal, einmal bin ich immer dabei. Aber ich überlasse das Paddeln auch gerne meinen Gästen. Der Drachenboot Cup auf der Binnenalster ist in Hamburg mittlerweile eine Institution und unser wichtigstes Fundraising-Event – jetzt schon im zwölften Jahr


Durch das Rennen erhält die Michael Stich Stiftung jedes Jahr fast 300.000 Euro Spenden. Wie schaffen Sie das?

Die Teams erspenden sich ein Drachenboot, mit dem sie an dem Rennen teilnehmen können. Allein durch die Anzahl der Teams kommt da schon mal eine beträchtliche Summe für unsere Stiftung zusammen. Daneben gibt es natürlich auch Sponsoren, die sich engagieren, sowie private Spender. Am Ende hat sich aber die Idee durchgesetzt: aktiv sein, Spaß haben und dabei Gutes tun.


Viele Profi-Sportler arbeiten nach ihrer aktiven Zeit als Trainer oder Sportfunktionär. Sie haben 1999 Kunstgeschichte studiert. Hatten Sie genug von Tennisplätzen?

Das Wimbledon-Halbfinale 1997 war mein letztes Match. Danach habe ich erstmal fünf Jahre lang keinen Schläger mehr angefasst. Ich wollte wissen, was es in der Welt da draußen sonst noch gibt. Kunstgeschichte habe ich nur zwei Semester studiert, da mich die Kunst sehr interessiert. Ich habe mir einfach Dinge gesucht, die Spaß machen und mich begeistern.


Heute sind Sie Unternehmer und Direktor der German Open am Rothenbaum. Ist das Interesse an der Kunst trotzdem geblieben?

Auf jeden Fall! Ich sammele leidenschaftlich Kunst und male auch selbst. Das ist ein großes Hobby.


Eine andere große Leidenschaft ist Ihre Stiftung, die Sie bereits 1994 wäh­rend Ihrer Profi-Karriere gegründet ha­ben. Wie viel Raum nimmt die Aufgabe als Stifter ein?

Ich habe jeden Tag mit meiner Stiftung zu tun. Doch ich habe auch ein tolles Team, das mir die Tagesarbeit weitgehend abnimmt. Aber beim Drachenboot Cup oder einer anderen Charity-Aktion bin ich natürlich dabei – bei der Ideenfindung oder der Suche nach Partnern. Auch die Weiterentwicklung von Projekten gehe ich an oder ich gebe die Richtung vor, aber ohne mein Team würde das alles nicht funktionieren.


Die Stiftung setzt sich für HIV-infizierte und an Aids erkrankte Kinder und deren Familien ein. Was hat Sie bewegt, gerade dieses Stiftungsthema zu wählen?

Von Anfang an wollte ich Kindern helfen. Außerdem sollte es nichts mit Sport zu tun haben, das war mir zu nah an meinem Beruf. Ich habe mir dann verschiedene Themen angesehen. Bei HIV und Aids gab es einen großen Bedarf, aber kein Angebot speziell für Kinder und Jugendliche. Mich hat das Thema auch deshalb interessiert, weil ich anfangs nicht viel darüber wusste.


Welche Erfahrungen haben Sie durch Ihre Stiftungsarbeit gemacht? Da gab es doch sicher viele bewegende Begegnungen?

Das ist ein sehr berührendes Thema. Als ich damit in den 1990er Jahren angefangen habe, sind die Kinder nie älter als 18 Jahre geworden. Wenn Sie dann eine Beziehung aufbauen, bekommen Sie natürlich auch mit, wenn die Kinder sterben. Da sind mehrere Kinder bei einem Tennisturnier und zwei Monate später erhalten Sie einen Umschlag mit einem schwarzen Rand und erfahren, dass der Junge oder das Mädchen verstorben ist. Das trifft einen schon sehr. Das war einer der Gründe, warum ich irgendwann diese ganz große Nähe nicht mehr zugelassen habe: Es fiel mir schwer, mich emotional zu schützen.


Die Stiftung betreut die betroffenen Kinder über einen langen Zeitraum?

Einige Kinder begleiten wir seit 15 oder 16 Jahren. Sie sind jetzt erwachsen und studieren oder machen eine Ausbildung. Diese Beziehungen aufrechtzuerhalten, ist für uns als Team extrem wichtig, weil wir so erfahren, wie es mit den Menschen und ihrer Krankheit weitergeht. Die Medizin hat sich weiterentwickelt und ermöglicht es heute, dass erkrankte Kinder mit den richtigen Medikamenten ins Erwachsenenalter kommen und eigene Familien gründen. Aber nach wie vor ist Aids eine nicht heilbare Krankheit. Viele Probleme aus den 80er und 90er Jahren gibt es auch heute noch.


Neben dem medizinischen braucht es auch gesellschaftlichen Fortschritt. Sie be­richten etwa von einem Mädchen, das wegen seiner Infektion vom Unterricht ausgeschlossen wurde.

Es ist bei HIV und Aids leider immer noch so, dass Be­troffene ausgegrenzt werden. Diese Stig­ma­tisie­rung liegt vor allem an der Unwis­sen­heit der Gesellschaft. Wir tun so, als ob die Krank­heit nur eine Randgruppe betrifft. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Deshalb ge­hen wir auch gezielt an Schulen, um dort auf­zu­klä­ren. Jeder muss sich damit auseinan­der­set­zen und Vorkehrungen treffen, um sich zu schützen.


Wie sieht diese Präventionskampagne konkret aus?

Wir schicken Ärzte an die Schulen, die erklären: Was ist HIV und Aids? Wie kann ich mich in­fi­zie­ren? Wie gehe ich mit Infizierten um? Da­ne­ben gibt es ein Theaterstück, gespielt von Michael Wanka, das beschreibt, wie ein jun­ger Mann sich unbedarft ansteckt und was diese Diagnose mit ihm macht. Das wird im Unterricht aufgegriffen. In Hamburg und Um­ge­bung haben wir so schon 60 000 Schüler an 120 Schulen erreicht. Jetzt starten wir auch in Berlin und in Bonn.


Sie rütteln auch mit einer teils aggressiven Kampagne wach. Die drastischen Motive, darunter ein Sarg im Kinderwagen, wurden auch kritisiert.

Man kann natürlich immer diskutieren, wie man so etwas thematisiert. Mit dem Bild des Kin­der­sargs (siehe nächste Seite) wollten wir wer­den­de Mütter sensibilisieren: Eine schwan­ge­re Frau sollte einen HIV-Test machen, um das ungeborene Kind zu schützen. Denn das Kind kann gesund zur Welt kommen, wenn die Mutter von der Infektion weiß. Das sind wir den Kindern schuldig. Wir wollen, dass über Aids gesprochen wird. Da ist mir erstmal egal, ob in der Bildzeitung steht „super Kampagne“ oder „durchgeknallt“. Beides trägt dazu bei.


Hat das Interesse an HIV und Aids in den Medien nachgelassen?

Das Medieninteresse war noch nie sehr groß. Es schlägt immer mal eine Welle, wenn sich jemand wie Charlie Sheen als HIV-positiv outet. Aber dann sieht man genau, was passiert: Stigmatisierung. Plötzlich heißt es: Bei dem Lebenswandel, selbst schuld. Aber das hat damit eben nichts zu tun. Es kann jeden treffen, auch Kinder und Jugendliche. Gerade im Alter von 12 bis 14 Jahren ist das Wissen über die Krankheit sehr gering.


Welches Stiftungsprojekt liegt Ihnen besonders am Herzen?

Wir arbeiten schon sehr lange mit dem UKE-Klinikum in Hamburg zusammen. Die Immundefekt-Ambulanz dort ist mir sehr wichtig. Weil diese Einrichtung die medizinische und psychologische Erstversorgung der Kinder und der Familien gewährleistet. In Berlin haben wir eine Kindergruppe, die wir nun schon seit 18 Jahren betreuen. Zu sehen, dass die Kinder nun ihre Schule ab­schlie­ßen, weil die Stiftung ihnen zum Bei­spiel mit Nachhilfeunterricht geholfen hat, ist schon toll.


Wie wählen Sie die Projekte aus, die Sie fördern?

Uns erreichen ja vor allem Anfragen für Einzelfallhilfen: Wenn Kinder oder Familien zum Beispiel finanzielle Unterstützung benötigen, dann leiten uns die Kliniken oder die Aidshilfe das weiter. Daraus entsteht dann ein Kontakt und wir versuchen es umzusetzen. Aber wir sind auch offen für Partnerschaften: Man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden. Durch meine Tätigkeit im Beirat des Bundesverbands Deutscher Stiftungen habe ich mittlerweile ein großes Netzwerk. Mit dieser Hilfe lässt sich vieles umsetzen.


Wie wichtig ist Ihr persönliches Netzwerk für das Fundraising?

Unsere Projekte werden komplett durch Spenden finanziert, dafür braucht es logischerweise Fundraising. Das Netzwerk spielt dabei eine große Rolle: Ob Firmen oder Partner – egal auf welcher Ebene versuche ich, den Menschen nahezubringen, was wir tun. Ich respektiere auch, wenn Freunde sagen, dass sie sich nicht für dieses Thema engagieren möchten. Aber ich habe auch gelernt: Fragen kostet nichts. Wir erbetteln uns sehr viele Dinge. Manche Leute muss man einfach anpieken, weil sie sonst gar nicht wissen, wo sie sich engagieren können.


Was tut die Stiftung noch für das Fundraising? Die Liste der Unterstützer ist ja beachtlich.

Wir veranstalten zum Beispiel immer wieder Golfturniere in Hamburg oder in Berlin – etwa gemeinsam mit dem Lions Club. Allein vergangenes Jahr bekamen wir mit unseren Events rund 500 000 Euro Spenden. Ein Großteil davon geht direkt in die Projekte.


Welche Eigenschaften muss ein guter Fundraiser haben?

Das Wichtigste ist, dass man emotional hinter seinem Projekt steht. Dann lassen sich auch andere überzeugen. Ich glaube, dass ich da einen guten Ruf habe: Die Menschen wissen, wenn ich etwas mache, dann mache ich das nachhaltig, seriös und zuverlässig – das wird keine Eintagsfliege. Wir versuchen, den Ansprüchen der Spender gerecht zu werden. Aber entscheidend ist, dass ich aus totaler Überzeugung heraus handele.

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