„Spender erwarten keine ‚100 Prozent‘“

Martina Ziegerer engagiert sich für das Vertrauen in Non-Profit-Organisationen (NPO) weltweit. Im Interview mit Paul Stadelhofer spricht die Präsidentin des International Committee on Fundraising Organisations (ICFO) und Leiterin der Stiftung Zewo über internationale Trends in der Zertifizierung gemeinnütziger Organisationen.

 

Non-Profit-Organisationen sind auf Vertrauen angewiesen. Was haben Vertrauen und Spendensiegel miteinander zu tun?

Spenden ist immer auch Vertrauenssache. Beim Kauf von Dienstleistungen oder Gütern kann ich mich selber vergewissern, ob die Leistung stimmt und die abgegebenen Versprechen eingelöst wurden. Aber wer spendet, kann sich nicht unmittelbar davon überzeugen, dass die Spende am richtigen Ort ankommt und etwas bewirkt. Die Kontrolle muss delegiert werden. Es ist die Aufgabe von Spendensiegel-Organisationen zu prüfen, ob ein Hilfswerk vertrauenswürdig ist und die Spendengelder gewissenhaft und wirkungsorientiert einsetzt.

 

Wie entwickelt sich die Zertifizierung von Hilfswerken?

Früher mussten die Organisationen nur einmal ein Prüfverfahren durchlaufen, um das Gütesiegel zu erlangen. Mit der Einführung von regelmäßigen Kontrollen hat sich das geändert. Seit 2001 überprüfen wir in der Schweiz periodisch, ob die Hilfswerke mit Zewo-Gütesiegel unsere Anforderungen noch erfüllen. Im Laufe der Zeit haben wir unsere Standards weiterentwickelt und präzisiert. Zuerst im Jahr 2003 mit der Einführung von spezifischen Rechnungslegungs-Standards für gemeinnützige Spenden sammelnde Organisationen. Diese sind mittlerweile etabliert. Die Hilfswerke publizieren aussagekräftigere Jahresrechnungen. Die finanzielle Transparenz hat sich verbessert.

 

Ein weiteres Thema waren die Kosten: Wie viel geht in die Projekte und wie viel wird für Administration und Fundraising verwendet?

Wir haben dazu 2004 einheitliche Berechnungsmethoden und Prüfinstrumente entwickelt. Seither erheben wir alle drei Jahre branchenweite Kennzahlen zur Kostenstruktur und Fundraising-Effizienz. Später kamen Orientierungsgrößen zu den Vergütungen und zu den Reserven dazu. In der letzten Zeit beschäftigte uns die Frage, wie man wirkungsorientiertes Denken, Planen und Handeln fördern und fordern kann. Wir unterstützen die Hilfswerke mit einem Leitfaden, Schulungsangeboten und Empfehlungen. Momentan überarbeiten wir unser Regelwerk und das Prüfverfahren.

 

Wie unterscheidet sich die Zertifizierung von Hilfswerken im internationalen Vergleich?

Zum einen gibt es die Selbstregulierung mit dem Bekenntnis der Organisation zu einem bestimmten Code oder Regelwerk. Die Prüfung erfolgt dabei oft auf der Basis von selbst deklarierten Angaben der Organisation.

Zum andern gibt es unabhängige Zertifizierungen, so wie sie beispielsweise das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen in Deutschland oder die Zewo in der Schweiz anbieten. Hilfswerke, die das Gütesiegel erhalten möchten, müssen ein Prüfverfahren durchlaufen. Die Zertifizierungsstelle verfügt über eigene Standards und prüft, ob die Organisation diesen Anforderungen entspricht.

Zudem gibt es Auskunftsdienste für Spenderinnen und Spender. Sie informieren aufgrund von öffentlich verfügbaren Unterlagen, inwiefern eine Organisation ihren Standards entspricht. Einige warnen auch vor intransparenten oder dubiosen Spendensammlungen. In der Praxis gibt es viele Mischformen. Die Übergänge sind oft fließend: Selbstregulierung entwickelt sich nach und nach zur unabhängigen Zertifizierung. Empfehlungen und Best-Practices, die sich bewährt und etabliert haben, werden schließlich zu verbindlichen Standards.

 

Die Gütesiegel-Organisationen entwickeln sich also mit dem Sektor.

Sie müssen Vertrauen aufbauen, sowohl bei den Spenderinnen und Spendern als auch bei den Hilfswerken. Ihre Kontrollen dürfen nicht als Misstrauensvotum empfunden werden. Ein Gütesiegel soll die Glaubwürdigkeit einer Hilfsorganisation unterstreichen und das Vertrauen in den Sektor stärken. Prüfstellen und Auskunftsdienste können je nach Land auf unterschiedlich viele öffentlich zugängliche Daten zugreifen.

Hilfswerke müssen in den USA viel mehr Daten publizieren als in Europa. Das hat zur Folge, dass Ratingagenturen auf diese standardisierten Daten zugreifen, um Hilfswerke zu vergleichen und zu bewerten. In Europa sind Spenden sammelnde Organisationen von Gesetzes wegen meist nicht verpflichtet, ihre Finanzen zu veröffentlichen. Hier sorgen Gütesiegelorganisationen und Zertifizierungsstellen für Transparenz.

 

Was ist die größte Herausforderung für die Weiterentwicklung der Zertifizierungen?

Zertifizierungsstellen sollten ihre Standards und Methoden von Zeit zu Zeit überprüfen. Gegebenenfalls müssen sie veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden. Die Anforderungen sollen hoch sein, damit das Gütesiegel einen Wert hat. Sie müssen aber auch mit vertretbarem Aufwand zu erfüllen sein. Die Kontrollen müssen streng und wirksam sein, gleichzeitig darf die Bürokratie nicht ausufern. Das ist ein ständiger Balanceakt.

 

Und auf Seiten der Organisationen?

Organisationen sollten kompetente Antworten auf Fragen haben, die die Öffentlichkeit interessieren. Zum Beispiel wie viel Geld in Projekte fließt und wie viel für das Fundraising und die Administration verwendet wird. Oder wie hoch die Reserven sein dürfen. Oder ob ein bestimmtes Chef-Salär noch vertretbar ist. Hier sind Berechnungsmethoden, Orientierungshilfen und Richtwerte gefragt, aber auch Aufklärungsarbeit. Insbesondere dann, wenn die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und die Realität nicht übereinstimmen.

 

Wie haben Sie den aktuellen Richtwert zur Bewertung der Kosten entwickelt?

In der Schweiz haben wir gemeinsam mit den Hilfswerken definiert, was administrativer Aufwand ist, was zum Fundraising gehört und was zum Projektaufwand zählt. Das DZI unterteilt die Kosten übrigens ähnlich. Wir erheben alle drei Jahre die Daten der Hilfswerke nach dieser Methode und analysieren die Einflussfaktoren auf die Kostenstruktur von Hilfswerken. Dann legen wir die aktuellen Grenzwerte für die verschiedenen Hilfswerke fest und publizieren die Durchschnittswerte. Aktuell fließen bei den Organisationen mit Zewo-Gütesiegel 79 Prozent der Mittel in Projekte, 13 Prozent in die Administration und 8 Prozent ins Fundraising.

 

Gibt es ein Maximum für den Overhead?

Wir haben kein einheitliches Maximum für alle Organisationen, sondern Grenzwerte, die vom Tätigkeitsfeld, der Größe, der Struktur und dem Finanzierungs-Mix einer Organisation abhängen. In anderen Ländern gibt es aber allgemein gültige Maximalwerte. Sie liegen zwischen 25 und 35 Prozent, wobei die Berechnungsweisen und Bezugsgrößen unterschiedlich sind.

 

Was sagen die Spender zu Ausgaben für Fundraising, Werbung und Administration?

Der maximal tolerierbare Aufwand für Fundraising, Werbung und Administration liegt bei rund einem Drittel des gesamten Aufwands einer Organisation. Angemessen fänden befragte Spender allerdings die Hälfte, also 16 bis 17 Prozent. Spenderinnen und Spender haben nicht die Erwartung, dass 100 Prozent ihrer Spende ins Projekt fließen. Sie wissen, dass Spenden sammeln etwas kostet und administrative Ausgaben nötig sind, um Transparenz zu schaffen, die Qualität sicherzustellen und Kontrollen zu ermöglichen. Wer höhere Beträge spendet, hat realistische Erwartungen an die Hilfswerke und ist besser informiert. Das spricht für die geleistete Aufklärungsarbeit und die Transparenz der Hilfswerke, die ihre Zielgruppe erreicht.

Menschen, die nicht spenden, vermuten, dass der Anteil der Verwaltungskosten bei rund 40 Prozent liegt. Sie spenden wohl unter anderem deswegen nicht.

 

Was sind die größten Risiken für den gemeinnützigen Sektor?

Das Vertrauen in den gemeinnützigen Sektor ist dann gefährdet, wenn es schwarze Schafe gibt. Beispielsweise Spenden sammelnde Organisationen, die unwahre Angaben machen oder mit aggressiven Sammlungsmethoden Druck ausüben. Ein weiteres Minenfeld ist alles, was mit Korruption und Betrug zu tun hat, also Bestechung, Veruntreuung oder persönliche Vorteilnahme. Das Vertrauen steht auch auf dem Spiel, wenn Transparenz fehlt und nicht klar ist, wofür die Gelder verwendet wurden.

Ebenso schaden Misswirtschaft und das Eingehen zu großer Risiken dem guten Ruf: Angefangen bei zu hohen Ausgaben für Fundraising und Administration, über exzessive Saläre bis hin zum Horten von Spenden und Verspekulieren mit risikoreichen Finanzanlagen.

 

Und wenn Projekte scheitern?

Auch bei Hilfswerken können Projekte scheitern. Es kommt vor, dass die beabsichtigte Wirkung nicht erzielt wird oder die erbrachte Leistung negative Effekte mit sich bringt. Hier gilt es, realistische Erwartungen zu schaffen, bei den abgegebenen Versprechen nicht zu übertreiben und in der Berichterstattung nicht nur die Erfolgsprojekte hervorzuheben, sondern auch zu zeigen, wo es für die Zukunft noch Herausforderung und Entwicklungspotenzial gibt.

Foto: PR

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