„Schlechtes Fundraising fällt auf alle zurück“

Dr. Günther Lutschinger

Dr. Günther Lutschinger ist seit 2008 Geschäftsführer des Fundraising Verband Austria und Präsident der European Fundraising Association. Er gilt als das Sprachrohr des Fundraisings in Österreich. Matthias Daberstiel sprach mit ihm über die Entwicklung in Österreich und 20 Jahre Fundraising Verband.

Herzlichen Glückwunsch, der Fundraising Verband Austria wurde gerade 20 Jahre alt. Da kann man schon mal zurückblicken. Wo begann denn der Weg des österreichischen Verbandes?

Eigentlich in einer Creperie in Wien, also kulinarisch und aufgeheizt.

 

Wie, kein Wiener Kaffeehaus?

Nein, wir haben anders vorgeglüht. Naja, eigentlich beginnt ja unsere Geschichte noch zwei Jahre eher, denn da gab es in Krems den ersten Österreichischen Fundraising Kongress, der von einigen Agenturen und Organisationen organisiert war. An eine Struktur hatte damals noch keiner gedacht, aber nach zwei Jahren war klar, es braucht eine Adresse und jemanden, der diese Aus- und Weiterbildung organisiert und abrechnet. Damals gab es natürlich weder Geld noch ein Büro. Wir haben einfach losgelegt.

 

Was haben Sie damals gemacht?

Ich war Geschäftsführer und Naturschützer beim WWF und hatte den Verband ehrlicherweise gar nicht wahrgenommen.

 

Wie kam es dann zu Ihrem Engagement?

Die Geschichte des österreichischen Verbandes teilt sich eigentlich in zwei Phasen. In den ersten Jahren hatten wir, wie andere Verbände in Europa auch, Einzelmitglieder aufgenommen. Das erwies sich als nicht tragfähig, auch wenn uns da schon Agenturen wie die SAZ, die erste Fundraising-Agentur im deutschsprachigen Raum, unterstützten. Mit einer so kleinen Szene war kein Blumentopf zu gewinnen, und deshalb wurde schon vor meiner Zeit beschlossen, komplett zur Organisationsmitgliedschaft zu wechseln. Heute sind wir ein Interessensverband und kein Berufsverband mehr.
Als Geschäftsführer kam ich erst später dazu. Ich hatte mich selbstständig gemacht und organisierte die erste Spendenlotterie „Das gute Los“ in Österreich, die beim Fundraising Verband ein Zuhause fand. Ein halbes Jahr später war ich dann dessen Geschäftsführer.

 

So schnell kann es gehen …

Das war eine strategische Entscheidung. Die Aufgaben wurden ja nicht weniger und das war mit ehrenamtlichen Vorstandsstrukturen nicht zu schaffen. Anfang 2008 war es aber auch nur ein Tag in der Woche, um Strukturen aufzubauen und die Entscheidungswege zu verkürzen.

 

Was würden Sie als die größten Erfolge des Verbandes bezeichnen?

Generell hat sich der Grad der Professionalität enorm erhöht. Früher waren es Einzelne, die vielleicht mal in Holland beim Kongress waren. Heuer ist es ein Standard, sich weiterzubilden. Ich sehe zwei Linien der Verbandsarbeit, die bereits Früchte tragen.
Erstens die Entscheidung, sich politisch zu engagieren und so die Spendenabsetzbarkeit in Österreich durchzusetzen. Wir konnten da als Verband eine sehr wesentliche Rolle spielen und sind heute einer der wichtigsten Ansprechpartner für das Thema Spenden und Stiften in Österreich.
Stolz bin ich auch darauf, dass wir als Verband heute 250 Mitglieder haben, die in den unterschiedlichsten Feldern aktiv sind, wie Soziales, Tierschutz, Kultur, Entwicklungshilfe, Umwelt und Bildung. Gemeinsam fahren sie erfolgreich Kampagnen wie etwa „Vergissmeinicht.at“ für ein gutes Testament und arbeiten gemeinsam an einer Kultur des Gebens in diesem Land. Sicher gibt es auch erwähnenswerte Einzelerfolge, wie die Millioneneinnahmen durch die Lotterie oder die Qualitätsinitiative für Face-to-Face-Fundraising. Aber dass die Fundraiser, egal wo sie sitzen, sich für eine gemeinsame Idee einsetzen, ist für mich das Wesentlichste.

 

Lobbyarbeit ist ja ein sehr aktuelles Thema. Österreichische Spendenorganisationen müssen ab nächstem Jahr ihre Spender direkt an das Finanzamt melden und so einen automatischen Datenabgleich ausführen. Chance oder Risiko für Ihre Mitglieder?

Ja, in diesem Falle konnten wir das trotz großer Anstrengungen nicht verhindern, weil nicht nur wir das einführen müssen, sondern auch die Kirchen und die Versicherungswirtschaft. Nur ist es ein Unterschied, ob ich einen steuerlich absetzbaren Versicherungsbeitrag einmal pro Jahr an die Finanz melde oder das für tausende Kleinspender machen muss, die per Kreditkarte, online oder bar spenden. Denn wir müssen für das Finanzamt unsere Spender alle vorher noch anhand von Geburtsdatum und Namen identifizieren. Das macht uns massive Probleme. Datenschutzrechtlich und juristisch ist da auch noch nicht das letzte Wort gesprochen.

 

Wie viele Spender haben denn bisher ihre Spende abgesetzt?

Die Quote der Menschen, die ihre Spende absetzen, ist überschaubar. Etwa 800 000 Menschen von 4 bis 5 Millionen Österreichern. Für uns steigt also der Verwaltungsaufwand bei einer Kompletterhebung massiv. Vom technischen Aufwand gar nicht zu reden, denn wir müssen jede Spende einer Person zuordnen können. Deshalb haben wir uns massiv dagegen aufgelehnt. Wir geben aber nicht auf und versuchen, das jetzt aus Sicht der Spendenorganisationen sinnvoll zu regeln. Da wird es auch notwendig sein, dass die Regierung Geld in die Hand nimmt, um beispielsweise die Spender zu informieren. Wie ich höre, denken auch andere europäische Finanzminister über diese Automatisierung nach. Zettelwirtschaft ist bald out, und das Thema könnte vielleicht auch bald die deutschen Kollegen betreffen.

 

Was sind denn die weiteren Ziele des Verbandes?

In Österreich gibt es noch keine Kultur des Stiftens. Da haben wir noch großen Nachholbedarf und müssen sehen, dass die Gesellschaft mittelfristig mit den Anliegen der gemeinnützigen Organisationen mitgeht. Wir freuen uns natürlich, dass wir jedes Jahr um 10 bis 15 Prozent wachsen, aber bei 1100 spendenbegünstigten Organisationen und über 100 000 Vereinen ist noch Potenzial. Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass wir noch mehr gutes Fundraising tun können, denn schlechtes Fundraising fällt auf alle zurück. Ethische Grundsätze werden für die Entwicklung des Spendenmarktes deshalb enorm wichtig sein.

 

Und wie wird sich der Verband weiter entwickeln?

Die aktuelle Diskussion ist gerade, ob das Wort Fundraising nicht schon zu kurz greift für das, was wir im Verband tun. Sind wir doch in Österreich der Partner für „Stifter helfen“, machen IT-Schulungen oder beraten vermögende Menschen und Unternehmen, wickeln de facto sogar schon Spenden für Organisationen ab. Das geht eigentlich schon weit über das hinaus, was sonstige Verbände in Europa machen. Ich glaube aber nicht, dass wir uns vom Kerngeschäft des Fundraisings entfernen, sondern wir nehmen einfach immer noch ein paar neue Aspekte dazu, die unsere Mitglieder unterstützen sollen, besser zu helfen.

 

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