Nur echte NGOs können diesen Namen registrieren

Interview Ulrich Retzlaff

Die Domainendung .ngo soll demnächst den Auftritt gemeinnütziger Organisationen im Internet revolutionieren. Das Besondere daran: Nur wirkliche NGOs können auf die Endung für ihren Domainnamen zugreifen. Zusätzlich erhalten Sie eine Spendenfunktion und Zugriff auf ein weltweites Organisationsverzeichnis. Vergeben werden die Domainnamen mit der Endung .ngo von Public Interest Registry (PIR), jenem Tochterunternehmen der gemeinnützigen Internet Society aus den USA, welches auch Domainnamen mit der Endung .org vertreibt. Ulrich Retzlaff, Director of Channel Management bei PIR, erklärt im Interview mit unserem Autor Paul Stadelhofer was hinter dem Konzept steckt und wo die Zukunft des World Wide Web liegt.

Wie hat sich die Verbreitung von .org Domains in den vergangenen Jahren entwickelt und was sind die Organisationstypen, die sich hinter diesen Domains verbergen?

Diese Top-Level-Domain gab es quasi schon zur Zeit der „Gründung“ des Internets – vor 25 Jahren. Seit 2003 wird sie unter der Regie von PIR betrieben. Wir haben den Bereich mit ungefähr 1,3 Millionen Domainnamen übernommen und verwalten heute – nach sehr starkem Wachstum in den letzten Jahren – 10,4 Millionen Domains unter .org.

Das ist aber nicht nur angesichts der reinen Zahlen eine echte Erfolgsgeschichte. Dahinter verbergen sich nämlich hauptsächlich Nutzer aus dem Not-for-Profit-Bereich, die in einer der vielfältigen Communities verwurzelt sind und ihren Domainnamen zum Beispiel für eine Website aktiv nutzen. Im Vergleich zu anderen Domain-Endungen haben wir mit 73 Prozent eine sehr hohe Quote an aktiven Domainnutzungen.

Also scheint die .org Domain erfolgreich zu sein?

Sehr erfolgreich. Diese Domains repräsentieren sehr häufig Organisationen, die sich mit Herz und mit Engagement für die gute Sache einsetzen. Für die Domainnamenindustrie ist das  deshalb bemerkenswert, weil die gesamte .org-Community ohne fremdes Zutun entstanden ist. Wir haben uns dieser Community dann erst im Nachhinein angenommen und uns zum Fürsprecher dieser Community gemacht. Ohne nun ein Urteil über einzelne Organisationen zu fällen, bemühen wir uns eine Marke zu etablieren, die Menschen und Organisationen eine Plattform bietet, auf der jeder zu jeder Zeit eine Stimme hat.

Was bezeichnen Sie in diesem Zusammenhang als Community? Sind das überwiegend Unternehmen, Organisationen oder öffentliche Institutionen?

Es handelt sich dabei um eine frei verfügbare Top-Level-Domain und jeder kann sie registrieren. Genau so, wie bei .de oder .com gibt es keinerlei Beschränkungen. Ungefähr 30 Prozent der Registrierungen kommen aus dem Not-For-Profit- Bereich.  Darunter  sind viele Organisationen aus den Bereichen Informationen, Wikis, Gesundheitswesen und dergleichen mehr enthalten. Eine genaue, prozentuale Aufschlüsselung machen wir natürlich nicht, weil wir dafür jede Webseite abscannen müssten.

Können Sie zumindest sagen, wie sich die Verbreitung der Domain-Endung im internationalen Vergleich entwickelt hat?

PIR ist eine US-Firma und das Internet hat bekanntermaßen auch in den USA seinen Anfang genommen. Das zeigt sich auch in der Verbreitung der Domain-Namen: Ungefähr 57 Prozent der registrierten .org Seiten haben einen Registranten aus den USA oder aus Nordamerika. Die restlichen 43 Prozent sind weltweit verteilt, wobei ich mich freue sagen zu können, dass gerade Deutschland unser zweitstärkster Auslandsmarkt ist.

Wahrscheinlich wird die Verteilung sich aber wandeln, oder?

Wir gehen davon aus, dass das Kräfteverhältnis sich wahrscheinlich umdrehen wird. Ich zumindest erwarte für die nahe Zukunft eher ein Verhältnis von 60 Prozent zu 40 Prozent für Registranten außerhalb des nordamerikanischen Marktes.

Das ist der Tatsache geschuldet, dass Indien für uns ein starker Wachstumsmarkt ist und Südamerika mit seinen NPOs sehr stark in den Online-Bereich strebt. Das Gleiche wird man in ein paar Jahren auch über Afrika sagen können.

Nun vertreibt PIR auch eine neue Domainendung. Die .ngo Domain. Woher stammt die Idee?

Es gibt ja Domain-Namen wie .org oder .de die schon länger zu registrieren sind. Das sind klassische, traditionelle Top-Level-Domains, die allen offen stehen.
ICANN, die „Internet Corporation for Assigned Names and Numbers“, welche die generischen Top-Level-Domains im Internet reguliert, hat vor ein paar Jahren einen Prozess für die Zulassung weiterer Domainendungen angestoßen. Das konnte quasi jeder Begriff sein: Eine Marke, ein Stadtname oder ein Gattungsbegriff. Im Rahmen dieses Prozesses haben wir uns auch überlegt, mit welchem Begriff wir uns große Chancen ausrechnen und was zu uns passt. Eine Domain, die auf .shop endet, passt wohl eher nicht zu einem Not-For-Profit-Betreiber wie PIR.

Und warum fiel die Entscheidung auf .ngo?

Da wir schon relativ stark mit der NGO-Community verknüpft sind, haben wir uns gedacht, dass der Begriff .ngo ein Erfolg sein könnte. Aufgrund dessen haben wir die Welt bereist und insgesamt 18 Workshops auf verschiedenen Kontinenten durchgeführt. Wir haben mit der Community gesprochen und gefragt was sie braucht, um online erfolgreich zu sein. Dabei hat sich relativ schnell herausgestellt, dass nur ein weiterer Domainname allein nicht das ist, was die NGO-Community sucht. Die Organisationen brauchen zwar einen Namen  aber zugleich eine einfach zu errichtende Online-Präsenz. Idealerweise möchte man dies nutzen, um eine der größeren Sorgen für sich zu lösen: Das Spendensammeln. Letztlich ist die Möglichkeit zur  besseren Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Organisationen etwas, das man gerne in einer neuen Plattform integriert sehen würde. Wie wir alle wissen, ist Sichtbarkeit eine etwas schwieriger zu lösende Angelegenheit im Non-Profit-Bereich, weil das Engagement häufig eher bei den Zielen der Organisation liegt und weniger im Marketing.

Wie reagieren sie auf diese Wünsche?

Wir schaffen natürlich die Domain .ngo, da darin unsere Kernkompetenz liegt. Diese Domain wird validiert sein: Nur echte NGOs werden diesen Namen registrieren können. Was echte NGOs sind, legen wir anhand standardisierter Kriterien fest. Wir schauen aber auch darauf, was einer NGO in einem bestimmten Land den NGO-Status verleiht – in Deutschland wäre das zum Beispiel die Gemeinnützigkeit. Wenn die Domain validiert worden ist, erhalten unsere Kunden Zugang zu einem Online-Portal und einem DirectoryService, in dem sie sich selbst listen können. Dieses Listing ist verknüpft mit einer Profil-Seite, auf die eigene Inhalte hochgeladen werden können, um die Organisation entsprechend zu präsentieren. Wir haben zuletzt auch noch eine Spendensammelmöglichkeit integriert – per Mausklick kann ein bestimmter Geldbetrag an die betreffende Organisation gespendet werden.

Das ganze Produkt heißt „OnGood“ und hilft hoffentlich den Organisationen sich besser zu vernetzen.

Steht auch schon fest welche Zahlungsweisen dabei verfügbar sind?

Wir haben einen Payment-Partner ausgewählt, der die meisten gängigen Zahlungsmethoden integriert: Paypal, Kreditkarte und Banküberweisung, um einige zu nennen. Ein wesentliches Kriterium bei der Auswahl der Spendenplattform war für uns, dass 100 Prozent der Spende wirklich bei der Organisation ankommen.

Und was passiert mit den Daten?

Zu den technischen Abläufen kann ich noch nichts allzu Genaues sagen. Wir nehmen Datenschutz sehr ernst und wir werden auch sehr transparent mit den Prozessen umgehen. Selbstverständlich landen die Spenderdaten gemeinsam mit der Spende aber immer bei der jeweiligen Organisation.

Und was passiert mit den Einnahmen, die über den Vertrieb der Domain generiert werden?

PIR finanziert sich natürlich über den Verkauf der Domainnamen. Wir arbeiten dabei über ein Reseller-Modell. Das heißt: Wir interagieren nicht direkt mit dem Kunden, aber jeder Kunde, der bei einem deutschen oder internationalen Registrar eine Domain mit der Endung .org oder .ngo kauft, zahlt einen gewissen Bruchteil auch an PIR. Diese Einnahmen geben wir – da auch wir Non-For-Profit arbeiten – der Internet Society. Die Organisation hat Mitglieder auf der ganzen Welt und sie versucht, über rechtliche, technische und prozessuale Standards Länder sowie Organisationen dazu zu bewegen, das Internet frei, offen und zugänglich für alle zu halten.

Für die .ngo Domain soll auch ein NGO Advisory Council entstehen. Was steckt dahinter?

Uns ist es sehr wichtig, dass im Beirat zu der NGO-Domain in Zukunft diejenigen Leute sitzen, die auch zur NGO-Community gehören. Sie sollen das Produkt begleiten, an der Entwicklung mitwirken und den Kontakt zur Community halten. Wir möchten die NGOs nicht nur als Kunden sehen, sondern wir wollen auch außerhalb des normalen Geschäfts einen Feedback-Prozess mit der Community pflegen. Wir sind zwar von unserer Struktur her schon Non-Profit, sehen darin aber eine Möglichkeit zur weiteren Integration, die wir von Anfang an forcieren möchten.

Und wann soll dieser Anfang sein? Wann ist der Launch der Domain-Endung?

Für NGOs, die Marken haben, wird der Launch voraussichtlich am 20. Januar 2015 sein. Ende des ersten Quartals werden die Domain-Endungen dann für alle verfügbar sein. Nicht-Regierungs-Organisationen, die sich einen kleinen Startvorteil verschaffen wollen, können sich auf www.globalngo.org voranmelden. Das geschieht ohne jede Verpflichtung. Bevor es aber richtig losgeht, erhalten sie eine Möglichkeit zur privilegierten Registrierung von Domain-Namen. Das passiert zwei Wochen vor der endgültigen Eröffnung und bietet eine bessere Chance auf den gewünschten Domainnamen.

Dann starten auch die Domain-Endungen auf .ong?

Ja. Für spanische Länder wird es aber auch eine .ong Domain geben. Das ist das Akronym für Nicht-Regierungs-Organisationen in romanischen Sprachen. Die Endung .ong wird immer automatisch mit der Registrierung einer .ngo Domain vergeben. Das heißt: Es besteht sofort eine globale Abdeckung für die Registranten der Domain. Es ist schließlich auch schwer zu erklären, warum „Wasser.ngo“ und „Wasser.ong“ verschiedenen Organisationen gehören sollten.

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