Joana Adesuwa Reiterer: Menschen in Afrika eine Zukunft bieten

Joana Adesuwa Reiterer ist Sozialunternehmerin und Modedesignerin
Immer im Einsatz für die Menschenrechte: Joana Adesuwa Reiterer

Darum geht's: NPO, Westafrika, Nigeria, Menschenrechte, Mode

Sozialunternehmerin, Mode-Designerin, Buchautorin, Schauspielerin und Kämpferin für Menschenrechte – Joana Adesuwa Reiterer passt in keine Schublade. Im Gespräch mit Peter Neitzsch erzählt Die Wahl-Österreicherin, was das mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun hat. Mit Mode „made in Africa“ möchte die Aktivistin den Menschen in ihrer Heimat Nigeria eine Perspektive bieten.

Frau Reiterer, Sie sind soziale Unternehmerin, haben ein eigenes Modelabel „Joadre“ und produzieren zu fairen Bedingungen in Afrika. Wie kam es zu der Idee?

Eigentlich begann alles mit dem Verein Exit, den wir 2006 in Wien gegründet haben. Der Verein kümmert sich um Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind. Durch diese Arbeit haben wir festgestellt, dass es wichtig wäre, vor Ort in Westafrika bessere Einkommensmöglichkeiten für die Frauen zu schaffen, damit sie erst gar nicht in die Fänge von Menschenhändlern geraten. Wir haben dann mit einigen Frauen einen Handarbeitskurs gemacht und dafür mit Non-Profit-Organisationen in Nigeria zusammengearbeitet. Daraus ist die Idee entstanden, die Mode auch zu vermarkten.

Anders als andere Modelabel arbeiten Sie nicht mit großen Produktionsstätten zusammen, sondern mit Frauen, die für sie nähen und schneidern.

Wir lassen für „Joadre“ bewusst nicht in Fabriken produzieren. Stattdessen arbeiten wir mit Ein- oder Zwei-Personen-Betrieben zusammen, die bislang nur für den lokalen Bedarf in der Nachbarschaft genäht haben. Wir helfen ihnen quasi, den Sprung in einen globalen Markt zu schaffen. Dafür haben wir eine Plattform aufgebaut, die diese Menschen durch Schulungen und Trainings unterstützt, damit sie wettbewerbsfähig werden. Auf diese Weise entstehen Einkommen und Arbeitsplätze, wo sie dringend gebraucht werden.

Sie waren vor Kurzem wieder in Nigeria. Worum ging es bei der Reise?

Mit „Joadre“ haben wir 2014 begonnen. Seitdem haben wir zum Beispiel mit der Pullstring-Tasche eine erfolgreiche Produktlinie aufgebaut. Schließlich kam der Zeitpunkt zu überlegen, wie wir mit unserem Produkt skalieren können. Deshalb haben wir vergangenes Jahr eine eigene App entwickelt, „HubCouture“ für den Google- und Apple-Store. Damit ermöglichen wir kleinen Unternehmern, ihre Produkte zu standardisieren und auf einer globalen Plattform anzubieten. Bei der Reise ging es darum, neue Leute darin zu schulen und dabei zu unterstützen, ihre Erzeugnisse auf diese Weise anzubieten.

Welches Feedback bekommen Sie von den Frauen, mit denen Sie arbeiten?

Mittlerweile sind es nicht nur Frauen, sondern auch viele Männer. Das muss man auch berücksichtigen, denn unter den Menschen, die wegen der Armut ihr Land verlassen, sind auch viele Männer. Das Feedback ist sehr gut: Wir bekommen sehr viel Input, was sie noch benötigen, um wirklich in den Markt zu gehen und ihre Produkte zu verkaufen. Eigentlich ist das für uns viel zu viel Arbeit. Aber es macht natürlich auch große Freude.

Seit mehr als zehn Jahren engagieren Sie sich bereits mit dem Verein Exit gegen Menschenhandel. Welche Arbeit machen Sie da genau?

Viele Menschenhändler holen junge Frauen aus ihren Herkunftsländern, oft aus ihrem persönlichen Umfeld, und zwingen sie dann zur Prostitution. Unsere Arbeit in Wien reichte von Erstgesprächen auf der Straße mit den Frauen, die auf dem Strich arbeiteten, über Deutsch- und Handarbeitskurse bis zu Verfahrenshilfe bei der Polizei und der Unterstützung durch Anwälte bei Prozessen gegen Menschenhändler. Das war sehr, sehr viel Arbeit. Wir waren insgesamt 16 ehrenamtliche Mitarbeiter. Jetzt haben wir das etwas reduziert, weil wir nun auch sehr viel Arbeit in „Joadre“ und „HubCouture“ stecken. Wir pendeln immer hin und her zwischen beiden Projekten – insgesamt sind wir ein Team von sieben Personen.

Mit welchen Sorgen und Nöten kommen Frauen zu Exit?

Die meisten Frauen, die zu uns kommen, laufen vor Gewalt davon. Wenn sie es nicht schaffen, ihre Schulden bei den Menschenhändlern abzubezahlen, werden sie geschlagen oder auch mit dem Tod bedroht. Die Frauen sind in der Regel stark traumatisiert und haben Angst, überhaupt auszusagen. Deswegen ist die Trauma-Arbeit gerade am Anfang oft das Wichtigste. Manche kommen auch erst zu uns, wenn sie kurz vor der Abschiebung stehen. In Österreich sind etwa 400 Prostituierte aus Nigeria registriert, aber viele arbeiten natürlich unregistriert. Allein bei Exit haben wir über 200 Frauen aus Nigeria beraten, die in der Prostitution arbeiten. Europaweit sind es schätzungsweise mehr als 10 000 Frauen allein aus Nigeria.

Welches Ausmaß hat der Menschenhandel von Afrika nach Österreich beziehungsweise nach Europa?

Mit Zahlen ist es immer so eine Sache. 2015 wurden etwa 15 000 Opfer von Menschenhandel in der EU erfasst. Aber das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs, denn die meisten Fälle werden nie von Behörden registriert. In den letzten zehn Jahren starben 22 000 Menschen auf dem Weg von Afrika südlich der Sahara nach Europa. Auch diese Flüchtlinge sind Opfer von Schleppern und Menschenhändlern geworden. Es gibt Millionen, die auswandern wollen, weil die Lage in ihren Heimatländern so schlecht ist. Weil es keinen anderen Weg gibt, sind diese Menschen Schlepperbanden ausgeliefert. Wenn sie keine Schlepper bezahlen können, müssen sie sich bei Menschenhändlern verschulden und ihre Schulden in Europa abarbeiten. Leider unternimmt niemand etwas, um das zu bekämpfen.

Wie könnte der Menschenhandel wirksam bekämpft werden – durch bessere Möglichkeiten zur legalen Einwanderung?

Nein, das ist keine Lösung. Menschen wollen in ihrer Heimat leben und dort eine Zukunft haben. Das ist eine Frage der globalen Zusammenarbeit: Wie lässt sich etwa erklären, dass in einem Supermarkt in Nigeria nur Milch aus der EU verkauft wird? Das ist bloß ein Beispiel für die ungerechte globale Wirtschaft, die vieles kaputt macht. Wenn die Menschen in Afrika aber nichts verkaufen können, dann haben sie auch kein Einkommen. Es braucht also eine gerechtere Wirtschaftsordnung, aber das liegt nicht im Interesse der großen Konzerne.

Ihr Engagement gegen Menschenhandel hat auch etwas mit Ihrer persönlichen Lebensgeschichte zu tun – und Ihrem Ex-Mann.

Ich bin 2003 meinem nigerianischen Ehemann nach Österreich gefolgt. Als ich nach Wien kam, fiel mir anfangs nur auf, dass immer so viele junge Frauen bei uns waren. Meine erste Reaktion war einfach Eifersucht, dann habe ich angefangen, Fragen zu stellen. Menschenhandel war mir damals noch gar kein Begriff. Ich habe mich nur gefragt: Wenn die Frauen auf den Strich gehen, warum müssen sie dann ihr Geld jemand anderem geben? Als ich gemerkt habe, dass es auch zu Gewalt kam, habe ich meinen Mann verlassen und im Frauenhaus Unterstützung gesucht. Dort habe ich zuerst versucht, meine eigene Situation zu retten, habe Deutsch gelernt und mir einen Job gesucht. Weil ich früher als Schauspielerin gearbeitet habe, kam mir die Idee, einen Film zu drehen, um Schüler in Nigeria über Menschenhändler aufzuklären. Dabei hat mich dann der ORF begleitet – nach der Ausstrahlung erreichten mich immer mehr Anfragen und wir gründeten schließlich den Verein.

Neben der Beratungsarbeit von Exit engagieren Sie sich auch politisch in Kampagnen zum Thema Menschenhandel – etwa mit einem Rollenspiel bei der UN.

Im Rahmen unserer Aufklärungsarbeit haben wir auch ein Theaterstück entwickelt, auf das die Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Emma Thompson aufmerksam wurde. Durch ihre Bekanntheit konnten wir dann im UN-Parlament spielen und das Theaterstück nach New York bringen. Ziel der Aktion war es, wichtige Stakeholder auf die Problematik Menschenhandel aufmerksam zu machen.

Sie haben nebenbei noch zwei Bücher geschrieben: „Die Wassergöttin“ und „Hexenkind“. Wovon handeln die Bücher?

Mein erstes Buch „Die Wassergöttin“ ist eine autobiografische Geschichte. Sie handelt davon, wie mich mein Vater als junge Frau als angebliche Hexe verstoßen hat. Viele Menschen in meiner Heimat glauben fest an die Macht des Voodoo. Das zweite, „Hexenkind“, ist eher ein Sachbuch und gewissermaßen die Fortsetzung davon: Es handelt von den Folgen des Hexenglaubens für die Beschuldigten. „Ware Frau“ ist ein weiteres Buch, an dem ich mitgearbeitet habe, das sich mit dem Menschenhandel aus Westafrika befasst.

Zurück zu Ihrem Modelabel: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir für unsere Plattform „HubCouture“, dass sie weiter wächst und Menschen aus vom Menschenhandel betroffenen Regionen einen unternehmerischen Zugang zum globalen Markt ermöglicht. Mein großes Ziel ist, dass diese Plattform bedeutend wird. Dadurch können die Konsumenten direkt bei den Menschen kaufen, die die Mode produzieren – ohne dass sie von Zwischenhändlern abhängig sind.    

                   

Buch Tipp: Joana Adesuwa Reiterer: Die Wassergöttin. Wie ich den Bann des Voodoo brach. Knaur TB 2015, ISBN: 978-3-426-78785-4, 320 Seiten, 9,99 Euro.

Mehr über Joana Adesuwa Reiterer und ihre Projekte erfahren Sie hier.

Interview: Peter Neitzsch
Foto: PR

Das Interview ist in der Ausgabe 3/2017 des Fundraiser-Magazins erschienen.

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