Nachwuchs-Neurotiker Fabian F. Fröhlich offenbart sich

Heute verrate ich Ihnen was Persönliches von mir – hätten Sie nicht gedacht, was? Aber ich tu’s, ich oute mich sozusagen öffentlich: Ich habe Angst! Angst vor dem Jahresende. Mit Beginn des vierten Quartals schleicht sie sich an, die Panik. Da tun die Menschen Dinge, die ihnen wesensfremd sind, aber sie tun es, weil man das eben so macht. Noch mal zum Zahnarzt gehen beispielsweise. Das allein – schon die Aussicht auf einen Anruf wegen eines Termins – lässt mich vor Entsetzen erschauern. Ich schwöre Ihnen Zahnstein und Bein, dass ich sonst keine Memme bin! Wollen Sie einen Beweis?

Unweit unserer Redaktion gibt es einen Freizeitpark mit einer ganz neuen großen Achterbahn. Weil Qualitätsjournalismus auch von Selbstversuchen lebt und weil die PR-Fritzen vom Freizeitpark das wissen, luden sie uns ein, die neue Superachterbahn in Augenschein zu nehmen. Was soll ich Ihnen sagen, die Jungs aus der Online-Redaktion haben gekniffen, aber ich – ich hab die beim Wort genommen und ich bin hin und ich hab mir das Ding mit eigenen Augen angesehen! Mitgefahren? Nee, nee, von mitfahren stand nichts in der Einladung, da bin ich dann schon korrekt.
Aber wir wollen ja über meine Ängste reden … Geschenkeshoppen ist etwas, das untrennbar mir dem Jahresende verbunden ist und das für mich nah dran ist an Psychoterror. Schon der erste Schoko-Nikolaus im September löst bei mir Paranoia aus. Da spüre ich es schier körperlich. Das Ende ist nah! Da meine ich nicht nur das Ende des optimalen Bodymassindex’ – das Ende an und für sich. Jetzt wird abkassiert. Abrechnung. Jüngstes Gericht. Armageddon. Hören Sie’s auch? Mozarts Requiem in d-Moll … und dann die inquisitorischen Fragen, unerbittlich: Welche der guten Vorsätze für dieses Jahr sind erfolgreich in die Tat umgesetzt? Wie steht’s jetzt konkret mit mehr Fahrradfahren und weniger Rotweintrinken? Mit dem versprochenen Salsakurs? Mit Camping in der Uckermark statt Billigflieger nach Barcelona? Mit Fairtrade-Kaff ee, Altpapiersammeln, Vollkornnudeln und Blutspenden? Und was ist denn nun bitteschön mit zivilgesellschaftlichem Engagement? Nicht dienstfrei bekommen für Gorleben? Wasserscheu in Stuttgart?

Aber hey, hier kann ich immer noch punkten. Ein paar Wochen sind ja noch bis Silvester, dem Tag aller Tage. Wer keine Zeit hat, zur Demo zu gehen, der hat ja auch andere Möglichkeiten sich wirkungsvoll und nachhaltig zu engagieren. So wie ich. Ich kann eine Online-Petition unterschreiben. Oder wenigstens den Link an alle meine Freunde weiterleiten. Oder zumindest den Link nicht gleich löschen, um ihn später zu versenden. Später, wenn ich einen kritischen Leserbrief für die Tageszeitung aufsetze, eine Unterschriftensammlung anzettele, einen Bürgerentscheid begehre, für den Stadtrat kandidiere oder zumindest für die Kantinenkommission.

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