Gutmensch Fabian F. Fröhlich ist guter Hoffnung

Wie alt werden gute Vorsätze? Meine sterben meistens jung. Den Rückenschule-Kurs hab ich immerhin schon drei Mal besucht, meinen Kaffeekonsum in der ersten Januarwoche etwas eingeschränkt, und ich bin auf gesunde Light-Zigaretten umgestiegen. Aber um solche Kleinigkeiten geht es ja auch nicht, wenn man wirklich was bewegen will auf der Welt. Da braucht es Mensch­lichkeit und selbstlose gute Taten.

Sprachwissenschaftler haben das Unwort des Jahres 2015 gekürt. Der „Gutmensch“ hat es auf Platz eins geschafft, knapp vor den „Hausaufgaben“. Mein pubertierender Neffe hätte das lieber andersrum. Sein Trost: Das Jugend­wort des Jahres 2012 war „YOLO“. Das ist sein Lebensmotto noch heute – „You only live once“.

Ich sehe das ja kritischer: „Gutmensch“ als Unwort 2015 – dann ist „Un­mensch“ vielleicht ein Kandidat für 2016? So weit dürfen wir es nicht kommen lassen! Gutes tun und drüber reden, oder auch erstmal davon reden und dann vielleicht was tun – alles das kann die Welt ein Stück besser machen. Und die Menschen sind zum Glück schon dafür sensibilisiert. Ich bin da wirklich guter Hoffnung. Zum Beweis erzähle ich mal kurz, was ich letzte Woche auf der Fahrt ins Büro erlebte.

An der Tram-Haltestelle Hauptbahnhof ist es wie immer ziemlich voll. Eine dunkelhäutige Familie (darf man das so schreiben?) will einsteigen. Viel­leicht sind es Touristen, vielleicht Flüchtlinge, wer weiß das schon. Die kleine Tochter, etwa fünf Jahre alt, springt gutgelaunt in die Bahn. Die Mutter mit dem Kinderwagen steht noch draußen, da fährt die Bahn los. Die Leute rufen „Halt!“, „Stopp!“, ein älterer Herr zieht beherzt die Notbremse. Die Kleine heult: „Mmmaaaaaaa!“, da steht eine junge Frau auf, vermutlich eine Studentin. Sie nimmt das Mädchen auf den Arm, sagt „Wait a minute!“ – und tatsächlich, die Kleine beruhigt sich. Inzwischen hat die Bahn angehalten, die Türen sind wieder offen. Die Studentin steigt mit dem Mädchen aus und bringt es zur Mutter zurück.

In der Bahn macht sich derweil große Erleichterung breit. Glückliche Ge­sich­ter wenden sich wieder entspannt ihren Smartphones zu. Ein dicker Mann sagt in breitestem Sächsisch zu seiner Frau: „Na da ham wir heute wieder was Gudes gedahn und ä Neger-Baby gerettet!“ Seine Frau fährt ihn empört an: „Wie kannst du nur so etwas sagen! Die Kleine ist doch kein Baby mehr!“

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